Freitag, 16. Oktober: Grenzverletzungen, Hochspannung und ungebetene Ernährungsberater

Frühe Störung & die verfehlte Impulskontrolle anderer

Der Tag fängt schlecht an, wenn es morgens um 06:00 Uhr an die Tür klopft und jemand ungefragt hineinbrüllt: „Bisch fertig?“ Ich frage mich ernsthaft, was mit dem Messermann – aka Gargamel, aka Theoretiker – eigentlich nicht stimmt. Er besucht exakt dieselbe Psychotherapie wie ich, aber er zieht null Konsequenzen daraus. Das Thema Safe Space und die bewusste Übertretung von Grenzen hatten wir erst vor Kurzem in aller Ausführlichkeit. Lerneffekt? Komplett ausgeblieben. Ich übe mich in eiserner Impulskontrolle und sage diesmal noch nichts, aber beim nächsten Mal fällt die Reaktion dafür umso deutlicher aus.

Skillsgruppe: Hochspannung und alte Notbremsen

Die Skillsgruppe gehört zu den absolut wichtigsten Einheiten für mich. Das behandelte Thema trifft mich auf eine sehr unangenehme, schmerzhafte Weise: Hochspannung. Jene extreme Innenspannung, die mich früher dazu gebracht hat, mich am Oberschenkel zu verbrühen, damit es im Verborgenen bleibt – ein massiver, mechanischer Reiz, der die unerträgliche Spannung sofort unterbricht. Ich nehme mir fest vor, meinen Notfall- und Hochspannungsplan zu gegebener Zeit akribisch auszufüllen.

Weil dem Messermann anscheinend sterbenslangweilig ist, will er am liebsten die gesamte Gruppe zu einer ungefragten PMR-Stunde zwingen. Immerhin spielen da die Pfleger nicht mit, was mir ausgesprochen gut gefällt. Was will er damit eigentlich permanent kompensieren? Sein altes Leben ist vorbei, und eines Tages wird er das wohl oder übel auch einsehen müssen – und dann hoffentlich endlich seine Ruhe finden.

Einzeltherapie: Anhedonie und die Schutzmauer der Dissoziation

Die etwas längere Mittagspause tut mir gut. Ich nutze sie, um mich auf das anstehende Einzelgespräch vorzubereiten, das manchmal ganz schön fordernd ist. Im Zentrum stehen diesmal Anhedonie und Dissoziation im Zusammenhang mit dem stark eingeschränkten Zugang zu meinen Emotionen. Das ist ein Zustand, den ich zwar immer noch nicht ganz greifen kann, den ich aber mit Sicherheit bis zum nächsten Treffen sauber aufgearbeitet haben werde.

Die Jammer-Echokammer der Abendrunde

Wenn aus der offiziellen Abendrunde eine reine Jammergruppe gemacht wird, empfinde ich das als zutiefst belastend. Da sitzen Leute und sind beleidigt, weil sie nicht früher abhauen können – obwohl sie mehr als genug Zeit gehabt hätten, sich rechtzeitig eine offizielle Befreiung zu holen. Weil sie das verpeilt haben, soll ich jetzt unter ihrer schlechten Laune leiden. Das kotzt mich einfach nur an. Klar, jeder hat verständlicherweise mal einen schlechten Tag, aber doch verdammter nochmal nicht jeden Tag im Abo?

Ungewollte Belehrungen & der bewusste Rückzug

Das Abendessen taugt leider auch nicht mehr als versöhnlicher Abschluss. „Die Frau, die immer lacht“ und Messermann haben sich offenbar verbündet und versuchen mir nun ziemlich eindringlich zu erklären, wie ich mich bitteschön gesund zu ernähren habe. Dem Messermann nehme ich ganz sicher nicht ab, dass er sich auch nur einen Millimeter um meine Gesundheit sorgt. Dass ich eine ausgewachsene Binge-Eating-Störung im Gepäck habe, ist zwar eine Information, die beide theoretisch kennen, aber anscheinend ruft sie keiner von beiden im entscheidenden Moment ab.

Dabei sitzen „die Frau, die immer lacht“ und ich im Grunde im selben Boot: Wir beide kämpfen mit einer Autoimmunerkrankung und sollten streng auf unsere Ernährung achten. Nur zählt diese Disziplin ausgerechnet immer nur bei mir. Ich sage ihr am Ende gar nichts, weil ich sie schlicht nicht beschämen möchte, und ziehe mich stattdessen ins Bett zurück. Was für ein beschissener Tag!

Sonntag, 18. Oktober: Ein glutenfreier Kuchen und seltene Wärme

Ein Versprechen, das tief unter die Haut geht

Fiona hat wie erwartet Wort gehalten und tatsächlich einen glutenfreien Kuchen für mich gebacken. Ihr ist vermutlich gar nicht klar, was das für eine enorme Bedeutung für mich hat: Es ist erst das zweite Mal in meinem gesamten Leben, dass überhaupt jemand einen Kuchen für mich gebacken hat. Ich kann und will es mir nach außen hin vielleicht nicht anmerken lassen, aber das ging verdammt tief unter die Haut und direkt in mein Herz.

Geduld, Genuss und ein Stück Vorfreude

Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, jemals einen auch nur annähernd so gut schmeckenden Kuchen gegessen zu haben. Erst warte ich geduldig, bis die anderen ihren Pflichtteil genommen haben, und spiele mit dem Gedanken, den Rest einfach komplett aufzuessen. Doch als nur noch drei Stücke übrig sind, überlege ich, wie sehr es mir den nächsten Morgen versüßen würde, wenn ich noch etwas für das Frühstück übrig lasse.

Also hebe ich den Rest fein säuberlich für den nächsten Tag auf und gehe schließlich mit einem richtig guten, warmen Gefühl im Bauch schlafen.

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