Montag, 19. Oktober: Geraubter Kuchen, das PMR-Ersatzprogramm und inkompatible Betriebssysteme

Gute Laune mit Verfallsdatum & der geraubte Kuchen

Nach einem wunderbar ruhigen Wochenende stehe ich wohldosiert und gut gelaunt auf. Dummerweise ist meine innere Programmierung so gestrickt, dass bei allzu guter Laune sofort ein Alarmsignal ertönt. Es ruft mir gnadenlos ins Bewusstsein, wie labil selbst ein gutes Gefühl sein kann und wie verdammt weh es tut, wenn es einem wieder weggenommen wird.

Beim Rauchen begegne ich dann Messermann, und ich bin mal wieder erstaunt, wie schnell das geht: Er wirft mir doch glatt vor, dass ich einen halben Kuchen gegessen und ihn bei der Portionierung schlicht nicht beachtet hätte. In echter Chefmanier erklärt er mir, dass er jetzt eben meinen für das Frühstück zurückgestellten Kuchen verputzen wird. Auf einen Schlag weiß ich wieder, warum es absolut keine gute Idee ist, sich für den nächsten Tag irgendetwas aufzuheben. Außerdem fällt mir auf, wie wundervoll ruhig es hier ohne ihn war – ganz ohne ihn dafür verurteilen zu wollen, schließlich gehört er eben zu den Muggeln. Ich überlege mir für einen kurzen Moment, ihm innig die Dünnschiss-Variante zu wünschen, lasse es dann aber bleiben, in der Hoffnung, dass er wenigstens bei Fiona ein halbwegs anständiges Statement hinterlässt.

Therapieausfall als Segen & Nähe im Speiseraum

Trotz dieses deprimierenden Starts geht der Tag mit einer hervorragenden Nachricht weiter: Die Körpertherapie fällt aus. Ich mag diese Veranstaltung nicht, weil es dort vor künstlicher Authentizität nur so wimmelt; die Leute schauspielern, und obendrein hatte ich beim letzten Mal Rückenschmerzen davon. „Die Frau, die immer lacht“ ist im Gegensatz dazu tief betrübt. Sie hatte offenbar die naive Hoffnung, das Ganze könnte den Schock abmildern, den ihr das eigene Geschlecht am Wochenende bereitet hat. Ich habe daraus jedenfalls gelernt: 20 Frauen auf einem Haufen sind definitiv zu viel. So viele Frauen habe ich in meinem Leben sonst nur in der Kirche gesehen, und da mussten sie sich benehmen.

Die PMR, die stattdessen als Ersatz läuft, gefällt mir da schon wesentlich besser. Da keine freien Räumlichkeiten zur Verfügung standen, mussten wir vorlieb in unserem kleinen Speiseraum nehmen. Durch die damit verbundene Nähe entstand eine tiefere Verbundenheit auf emotionaler Ebene – eine sehr willkommene Abwechslung für jemanden, der sich nun mal primär über sein Äußeres regulieren muss.

Biologische Programme & fragile Egos

„Die Frau, die immer lacht“ scheint derweil einen Verehrer abbekommen zu haben. Anstatt einfach zu kapieren, dass sie eine hübsche Frau ist, die bei Männern eben Aufsehen erregt, echauffiert sie sich lauthals über ein derart „unverschämtes Benehmen“. Sie hat die grundlegenden Programmierungen der Natur offenbar nie ganz verstanden – für mich steht jedenfalls fest: Schwul waren ihre Eltern jedenfalls nicht.

Der hormongestörte Verehrer scheint das Spielchen derweil verstanden zu haben und tauscht sie kurzerhand gegen eine andere Patientin aus, ganz nach dem Motto, dass er allein entscheidet, wer mit ihm in die Stadt gehen darf. Ein gesundes Selbstbewusstsein ist für manche Menschen eben extrem wichtig – vor allem dann, wenn sie mangels innerer Substanz ausschließlich über das Äußere in der Lage sind, sich die dafür nötige Bestätigung zu holen.

300 Meter Spaziergang & der stillose Angriff

Nachdem die PMR bereits am Morgen stattgefunden hatte, lässt Frau G. demokratisch abstimmen, ob wir spazieren gehen oder eine andere sinnfreie Aktion starten wollen. Die Mehrheit ist für Spazieren, also marschieren wir stramme 300 Meter in die eine und exakt 300 Meter in die andere Richtung. Ich versuche noch, nett zu ihr zu sein, und unterhalte mich mit ihr – hätte ich mir allerdings auch sparen können. Menschen wie sie, die einmal in ihre Schranken gewiesen wurden, vergessen das eben nie.

Als wir kurz stehen bleiben und sie nach einem Feedback fragt, fange ich an zu sprechen. Als die Reihe weitergeht, nehme ich mein Handy in die Hand, um zu checken, ob eine der angeschriebenen Umzugsfirmen schon geantwortet hat (was natürlich nicht der Fall ist). Frau G. nimmt diesen formellen Regelfall gerne zum Anlass, mich lautstark und mit einer grauenhaften Energie zu maßregeln. Normalerweise hätte das in mir ordentlich Ärger ausgelöst, aber da ich heute stabil stehe, prallt dieser stillose Angriff einfach an mir ab.

Retourschlag mit Stil & inkompatible Betriebssysteme

In der anschließenden Abendrunde spiele ich ihr den Ball dann wohlüberlegt zurück: mit purem Stil und so platziert, dass ihr am Ende nichts anderes übrig bleibt als ein zähneknirschendes: „Wenn das Ihre Meinung ist, akzeptiere ich sie selbstverständlich.“

Es ist offensichtlich, dass unsere Betriebssysteme schlicht nicht miteinander kompatibel sind. Ich kann nur hoffen, dass sie mich in einer schwachen Minute nicht doch noch so weit treibt, etwas Unüberlegtes oder Instabiles zu tun. Beim Abendessen warne ich den Messermann noch, mit seinen Äußerungen achtsam zu sein – denn Frau G. ist permanent auf der Suche danach, uns ein Ei zu legen, und schreckt nicht einmal davor zurück, uns schamlos zu belauschen.

Für heute habe ich definitiv genug. Ich bin gespannt, ob mir das im morgendlichen Einzelgespräch direkt wieder um die Ohren gehauen wird.

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