Donnerstag, 15. Oktober: Nächtliche Schleichwege, der perfekte Ton und das letzte Geleit

Schlaflosigkeit, Kaffeemanöver & administrative Lähmung

Die Nacht hätte wirklich ein bisschen länger sein können. Um 03:00 Uhr spüre ich die Schmerzen in den Oberschenkeln und bewege mich ein wenig. In mir keimt der Wunsch, etwas zu unternehmen, und ich überlege kurz, ob ich mir einen Kaffee holen soll. Frau G. hat Nachtschicht, und ich muss erst einmal ausschließen, dass sie mich um diese Uhrzeit wegen abgelaufener Lebensmittel oder übertriebener Sorge um meinen psychischen Zustand abfängt. Ich entscheide, das Risiko einzugehen, checke vorsorglich, ob die grüne Lampe brennt – aber alles gut gegangen. Nach dem Duschen habe ich nun endlich die Muße, meine Gedanken zu sortieren, und hadere mit mir, ob die anstehende Gruppentherapie heute etwas Gutes oder eher Schlechtes bringen wird.

Ich nehme mir fest vor, mich dieses Mal zurückzuhalten; sollen die anderen doch auch ihren Beitrag dazu leisten. Ich habe gerade ohnehin ganz andere Baustellen. Meine Vermieterin kommt heute mit ihrer Familie vorbei, um die Wohnung zu inspizieren und das genaue Maß zu nehmen. Außerdem muss ich jetzt endlich die Umzugsfirmen wegen meines bevorstehenden Umzugs kontaktieren. So richtig freuen konnte ich mich darüber bisher noch nicht, da ich permanent wie gerädert und übermüdet bin. Es drängt sich langsam die Frage auf, ob da nicht doch mehr dahintersteckt – normalerweise brauche ich schließlich nicht so lange, um eine einfache administrative Aufgabe zu erledigen.

Abschied auf Raten & die Frage nach dem letzten Geleit

Ich muss heute unbedingt auch noch bei der Wohnungsvermittlungsfirma vorbeigehen, um ein paar Papiere abzugeben. Es bietet sich an, das alles in einem Abwasch zu erledigen. Ane, eine ältere Dame, die ich hier mitsamt ihrer Familie kennengelernt habe und die hier auf der Palliativstation ihrem Ende entgegensteht, wird heute in ein Hospiz verlegt. Das ist mir ehrlich gesagt ganz recht, denn so bekomme ich das finale Ende nicht mit und muss den Schmerz der Familie nicht hautnah fühlen.

So langsam frage ich mich ohnehin, ob die psychosomatische Arbeit hier das Richtige für mich ist oder ob es nicht eine andere, sinnvollere ehrenamtliche Aufgabe gäbe, die mich wirklich erfüllen kann. Meine Mutter ist mittlerweile 93 Jahre alt. Ich weiß beim besten Willen nicht, wann der Herr sie zu sich rufen wird, aber es wird in jedem Fall eine heftige Kettenreaktion innerhalb der Familie auslösen, wenn erst einmal bekannt wird, dass ich ihr das letzte Geleit verweigern werde – im Übrigen genau wie allen anderen auch. Zu tief hat sich bei mir eingebrannt, dass sie mich damals in der größten Krise meines Lebens komplett allein gelassen haben.

Musiktherapie: Vom Abwehrmodus zum perfekten Ton

Um 06:00 Uhr kann ich endlich offiziell rauchen gehen und muss nicht länger das elfte Gebot beachten. Nach dem Frühstück und der Morgenrunde folgt diese verhasste Musiktherapie, deren einziger Zweck in meinen Augen darin zu bestehen scheint, Aggressionen und puren Hass freizulegen. Ich habe die Therapeutin gedanklich längst als Feind klassifiziert und beschlossen, mich vor diesen dämonischen Reizen zu schützen. Musik kann etwas Wunderschönes sein, aber das hier verstößt vermutlich gegen die Genfer Konvention zum Schutz vor Folter.

Ich mache der Therapeutin unmissverständlich klar, dass ich die Art und Weise, wie sie ihre Sitzungen abhält, absolut ablehne und alles infrage stelle, was mit ihrer Form der Therapie zu tun hat. Sie schweigt, überlegt kurz – und tut dann etwas, das mir heute noch nachgeht. Sie setzt ein Quartett aus Klangkörpern zusammen, die durchaus miteinander harmonieren, und es entsteht für einen kurzen Moment ein Ton, der es wirklich in sich hat. Es ist überraschend, fast flüchtig, aber umso heftiger. Dieser Ton geht durch alles hindurch bis direkt in mein Herz und gewährt mir für einen winzigen Moment Zugang zu meinen Gefühlen – wunderschön, und ich bin offenbar nicht der Einzige, dem es in diesem Augenblick so geht.

Gruppen-Offenheit & das Ashton-Kutcher-Meme

In der anschließenden Gruppentherapie überrascht „die Frau, die immer lacht“ mit einer Innenansicht und einer Offenheit, die ich ihr absolut nicht zugetraut hätte. Ich empfinde ehrlichen Respekt für sie und bin regelrecht stolz auf diesen Schritt. Wer nicht weiß, was eine Schamstörung ist, wird nicht ansatzweise verstehen, was sie das alles emotional gekostet hat – auch wenn sie dabei nicht auf ein einziges tiefes Teil ihres Ichs im Detail eingegangen ist. Da es sich hierbei überwiegend um „Frauensachen“ handelt, halte ich mich vornehm zurück und kommentiere nur dort, wo ich selbst klare Querverbindungen erkenne. Bedingungslose Loyalität und die wahre Liebe – wer sehnt sich nicht danach?

Bei der Visite weiß ich im ersten Moment selbst nicht, was ich von der Situation halten soll. Ich muss unwillkürlich an ein Meme denken, in dem Ashton Kutcher an einem chinesischen Drive-in etwas bestellen möchte und die Frau am anderen Ende des Lautsprechers immer wieder fragt: „Was noch?“ Nur dass es hier der Chefarzt ist, der mich beharrlich und wiederholt fragt, ob ich ihm nicht noch etwas erzählen wolle. Die Situation hinterlässt mich reichlich verstört.

Sprint bergauf, Verspätungen und der sichere Hafen

Ich muss nun schnellstens in meine Wohnung, da die Vermieterin mit ihrer Familie das Aufmaß machen will. Blöderweise hat eine Straßenbahn vor uns einen Unfall, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als den letzten Teil zu Fuß zu gehen. Das wird zu einem echten Härtetest, da es hier fast nur bergauf geht. Ich denke zwischendurch, ich schaffe es einfach nicht mehr, aber die pure Panik, zu spät zu kommen, setzt Adrenalin frei, und ich erreiche die Wohnung gerade noch rechtzeitig.

Die Vermieterin ist pünktlich, der Rest der Familie allerdings zwei Stunden zu spät – was mir immerhin eine neue Waschmaschine einbringt und die Gelegenheit, endlich ein ordentliches Schnitzel essen zu gehen. Endlich wieder im geschützten Rahmen der Therapieeinrichtung angekommen, fällt der gesamte Stress augenblicklich von mir ab. Ein kurzes, aber intensives Gespräch mit Fiona, der einen „die immer lacht und Messermann versüßt mir den restlichen Abend, bevor ich müde und erschöpft ins Bett gehe.

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