Unerwartete Resonanz & veränderte Räume
Gestern Nacht kam völlig unverhofft eine Nachricht von Fauline. Ihre Worte haben mich ohne Vorwarnung erreicht – an einer Stelle, die ich sonst gut geschützt halte. Für einen kurzen Augenblick ist die Abwehr komplett gefallen, und was sie geschrieben hat, ging direkt durch. Es hat mich zutiefst bewegt und eine Wucht entfaltet, die mich selbst überrascht hat. Ein seltener Moment, in dem Anerkennung nicht im Kopf hängenblieb, sondern mich unmittelbar im Kern getroffen hat.
Die Gespräche im Esszimmer haben sich von mir ausgehend verändert. Es fühlt sich eigenartig an, dass von Stationsseite weitergegeben wird, was wir besprechen – auch wenn es grenzwertig war. Die Ungezwungenheit ist für mich jedenfalls nicht mehr da.
Morgenrunde, Skills-Gruppe & die nächste Eskalationsstufe
Zur Morgenrunde war eine neue Hospitantin da; ich frage mich immer wieder, warum die alle tätowiert sein müssen und einen halben Schrottplatz im Gesicht herumtragen, dazu noch diese maskuline Frisur – das ist einfach nicht mehr meine Welt. Eine Welt ohne Weiblichkeit fühlt sich für mich ziemlich kalt und trist an. Die Skills-Runde war für mich natürlich die wichtigste Therapiestunde, da ich dort hoffentlich lerne, mich zu regulieren und Gefühle wie jeder andere in einer normalen Dosierung zu bekommen und nicht mehr so extrem.
Das anschließende Gespräch mit meiner Bezugsperson verwirrte mich eher, als dass es mich gefordert hätte. Jetzt geht es auf einmal um sexuelle Übergrifflichkeiten. Wie kommt so eine Thematik auf? Ich habe den Eindruck, hier wird einiges absichtlich aufgebauscht. Das geht so lange gut, bis es nicht mehr gut geht – das kann unmöglich im Sinne dieser Einrichtung sein, aber okay, ich fühle mich davon jedenfalls nicht angesprochen. Jetzt warte ich auf die Visite und das Mittagessen.
Einzeltherapie: Die Mechanik der Auslöschung
Nach dem Essen ging es zur Einzeltherapie, nur 25 Minuten, aber die hatten es in sich: Selbsthass und die damit verbundene Autoaggression ist eine Thematik, die sich, wenn man nicht selbst betroffen ist, nur schwer erklären lässt. Es ist eine versuchte Auslöschung des eigenen Ichs, und das, obwohl kognitiv völlig klar ist, dass das nicht mein Verschulden ist. Dabei ist der Auslöser immer derselbe: Scham. Ich war froh, als ich wieder neutralen Boden unter den Füssen hatte.
Das Vier-Augen-Gespräch auf der Parkbank
Beim Rauchen wollte Messermann ein Vier-Augen-Gespräch mit mir führen und führte mich aus dem geschützten Bereich zu einer Parkbank, wo er mir dann allen Ernstes klarzuhalten versuchte, dass es bei der Beziehung zu Fauline doch nur rein freundschaftlich-platonische Gefühle gäbe und sie ja schließlich seine Nichte sein könnte – was sie aber nun einmal absolut nicht war. Ich verstehe, worauf er hinauswollte: Er wollte sich seinem Alter entsprechend benehmen, was allerdings im krassen Widerspruch zu unserem biologischen Bauplan stehen würde, ganz abgesehen von den elementaren Bedürfnissen, die jeder hat und die nun einmal erfüllt werden wollen. Zwei erwachsene Menschen sollen selbst entscheiden, was geschieht, jenseits all der moralischen Vorstellungen, die uns andere aufzwingen wollen. Nur eins muss klar sein: Wir sind trotz unseres Alters erwachsene Männer mit erwachsenen Bedürfnissen, und die wollen nun einmal gestillt werden.
Väterliche Zuschreibungen & Kaffee mit Kirschen
Als Fauline später während eines Gesprächs meinte, „Du bist wie mein Vater“, konnte ich nicht anders: Ich lachte lauthals los. Auch eine Möglichkeit, die Sache zu klären – vielleicht sogar die charmantere Version. Wir gingen anschließend einen Kaffee trinken, und beim Eintragen fiel mir nicht einmal auf, dass ich gar nicht auf das Papier, sondern direkt auf die Klarsichthülle geschrieben hatte. Ich dachte noch, dass der Kuli echt nicht allzu gut schreibt, aber na gut. Zu meinem Unglück fiel es Fauline auf, die – bösartig und durchtrieben, wie sie nun einmal sein kann – das sehr durchdacht und wohldosiert bis zum letzten auskostete und mich dann auch noch demütigte, indem sie meinen Kaffee unaufgefordert bezahlte. Messermann hatte damit selbstverständlich überhaupt keine Probleme, und selbst den Kuchen drehte er natürlich so hin, dass die Kirschen auf seiner Seite lagen.

