Frühstart, grünes Licht & der Glukosetoleranztest
Da ich gestern relativ früh schlafen gegangen bin, war ich natürlich auch dementsprechend früh wach. Gegen 04:30 Uhr klopfte Frau G. an meine Tür und machte mich darauf aufmerksam, dass das grüne Licht leuchten würde – vermutlich bin ich gegen einen Schalter gekommen. Da vor den anstehenden Untersuchungen weder Rauchen noch Frühstück drin war, blieb ich noch eine Weile liegen, bis um 07:30 Uhr der offizielle Startschuss für den Glukosetoleranztest fiel: 300 Milligramm Glukose trinken und danach messen, wie lange der Körper braucht, um den Zuckerwert wieder abzubauen. Bleibt das im regulären Zeitfenster, ist alles in Ordnung; falls nicht, habe ich ab sofort ganz offiziell Diabetes. Immerhin garantiert das einen netten Schub für meinen GdB und sichert mir die Finanzierung der als Abnehmspritze bekannt gewordenen Ozempic-Medikation.
Kunsttherapie, Blutproben & eine Todesnachricht
Die anschließende Kunsttherapie fiel eher kurz aus. Immerhin bekam ich dort ein Lob von Fiona, das sie im Nachhaken vermutlich „natürlich wieder nicht so gemeint“ hatte. Nach der letzten Blutprobe gab es endlich die erlösende Freigabe, all das zu konsumieren, was gemeinhin als ungesund gilt – und ich habe es, zumindest für einen kurzen Moment, in vollen Zügen genossen.
Beim Rauchen traf ich den Angehörigen eines Mitpatienten, mit dem ich mich angefreundet hatte. Er sah todmüde und völlig erschöpft aus. Mit seiner Antwort hatte ich allerdings nicht gerechnet: Sein Vater war heute Morgen gestorben. Ich versuchte, ein paar tröstende Worte zu sagen, bevor ich zum Essen ging. Das Mittagessen war wenig spektakulär, aber der Hunger trieb es rein.
Termine im Schwesterkrankenhaus: Aufklärung & Reizüberflutung
Nach dem Essen stand der Termin im Schwesterkrankenhaus in der Stadt an: Diabetesberatung und CPAP-Masken-Kontrolle. Der Besuch hat sich im Nachhinein als extrem wertvoll erwiesen, da man mir dort erklärte, wie verdammt gefährlich meine bisherigen Fastenexkursionen eigentlich waren – vor allem, wenn man dabei nicht zeitgleich die Medikamente absetzt, die für die Glukoseausscheidung verantwortlich sind.
Weniger erfreulich war die Dame, die meine Maske kontrollierte; sie benahm sich, als hätte sie Substanzen eingeworfen, die ihr Arbeitstempo auf ein absolut nervtötendes Level schraubten. Nach all der mühsam erkämpften inneren Ruhe der letzten Tage war dieser hyperaktive Wirbelwind ein echter Störfaktor. Wieder zurück auf Station herrschte gähnende Leere – die perfekte Gelegenheit, mich hinzulegen und ein paar Runden Schlaf nachzuholen.
Abendessen, Vermeidungsverhalten & die Konsequenz des Schweigens
Beim Abendessen fiel mir dann auf, dass „die Frau, die immer lacht“ eine meiner Aussagen offenbar immer noch nicht verdauen konnte – und das, obwohl ich sie längst relativiert hatte. Es ging im Kern darum, sich unangenehmen Realitäten zu stellen (in diesem Fall den finanziellen Dingen, die bei einer monatelangen Krankschreibung zwangsläufig auf einen einprasseln). Ihre Abwehrreaktion kam prompt: „Nicht jetzt.“ Das war nun schon das zweite Mal, dass sie so abblockte – ein lehrbuchhaftes Muster von reiner Vermeidung.
Ich stellte in der Runde noch einmal klar, wie meine Aussage gemeint war, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Ich nehme mir daher ab jetzt fest vor, gewisse Beobachtungen und Gedanken einfach für mich zu behalten. Wenn ich nichts sage, trete ich niemandem zu nahe – auch wenn das ohnehin nie meine Absicht war.
Die verweigerte Strafe, der Zeigarnik-Effekt und die Notbremse
Seit dem Gespräch mit der Oberärztin spüre ich zwar diese wohltuende innere Ruhe, aber im selben Atemzug nagt permanent eine Frage an mir: Wie lange wird dieser Zustand eigentlich anhalten? Erschwerend kommt hinzu, dass mir die Oberärztin auf mein mehrfaches Nachfragen hin die „Strafe“ verweigert hat. Das sorgt dafür, dass die Sache in meinem Nervenzentrum absolut unvollständig und unerledigt bleibt.
Normalerweise führt das bei mir dazu, dass ich die Bestrafung eben selbst in die Hand nehme – und das ist oft wesentlich drastischer, als es der strafende Elternteil jemals tun würde. Ein klassisches Phänomen aus der Schematherapie: der Punitive (strafende) Kritiker, jener innere Zustand, in dem man mit sich selbst genauso umgeht, wie es früher eine abwertende oder bestrafende Bezugsperson getan hat. Gekoppelt wird das Ganze an den Zeigarnik-Effekt, der das Gehirn permanent an unerledigte Dinge erinnert – besonders in diesem Fall, weil das Nachfragen von Autoritätspersonen früher unter Umständen gefährlich sein konnte.
Ein weiteres Thema, das mich beschäftigt, ist Dissoziation als Notbrems-System der Psyche: Man spaltet sich ab und erlebt den Moment von außen, wie in Watte gepackt, oder man sieht aus dem Fenster und merkt gar nicht, wie 20 Minuten vergangen sind. Die Oberärztin stellte die Frage während der Gruppentherapie. Ich sagte nein, aber sicher war ich mir nicht. Es zeigt aber auch, wie erfahren sie als Oberärztin ist und wie sehr sie die Sache kontrollieren kann.

