Das kleinere Übel: Seelen-Striptease in der Gruppe
Was ein paar Stunden Schlaf alles ausrichten können… Ich fühle mich viel besser, aber immer noch erschöpft. Die Gruppentherapie war heute mehr Vermeidungsstrategie als echtes Bedürfnis. Zur Auswahl standen entweder eine erneute Rassismus-Debatte – da die Oberärztin mit dem Ergebnis der letzten Runde offenbar nicht ganz zufrieden schien – oder ein eigenes Thema, was für mich in diesem Moment das kleinere Übel war. Also ging es ziemlich in die Tiefen meiner Seele. Das ist zwar prinzipiell genau das, was ich tun wollte, um mit den hartnäckigen Stigmata rund um das Thema Borderline aufzuräumen, aber es fühlte sich zeitweise an wie ein kompletter Seelen-Striptease.
Feedback-Bandbreite & professionelle Zurückhaltung
Wenn man sich schon so weit öffnet, wünscht man sich natürlich etwas mehr Feedback. Fiona, die eigentlich dazu in der Lage wäre, streikte und hatte schlicht keinen Bock; andere fanden es zwar hochinteressant, während wieder andere schlicht überhaupt nichts damit anzufangen wussten. Immerhin reagiert die Gruppe insgesamt ziemlich professionell – verletzende oder dumme Kommentare bleiben in diesem Bereich aus, was viel wert ist. Ich bin froh, dass dieser Haufen aus so unterschiedlichen Charakteren besteht, die am Ende doch gut harmonieren. Die meisten sind reflektiert und kennen sich mit ihren eigenen Baustellen und Störungen gut aus.
Einzelgespräch & die Rückkehr der inneren Ruhe
Jetzt steht nur noch das Einzelgespräch an, dann ist der anstrengende Teil geschafft. Wieder ein Seelen-Striptease – wenn das so weitergeht, lande ich demnächst noch an der Stange. Diesmal ist die extreme Anspannung der letzten Tage jedoch abgefallen. Ich bin innerlich ruhig geworden, und das ist ein wirklich verdammt gutes Gefühl.
Medizinische Baustellen & pragmatischer Nutzen
Da ich morgen einen Diabetikertest machen muss, soll ich ab heute Abend strengsten Verzicht üben: keinen Kaffee, keinen Alkohol und keinen Tabak mehr. Ob das mit dem Alkohol als präventiver Scherz gemeint war, vermag ich bei diesem Laden derzeit nicht einmal zu beurteilen. Aber letzten Endes wird dadurch mal wieder eine gesundheitliche Baustelle abgeklärt, und am Ende treibt es sogar noch meinen Grad der Behinderung (GdB) nach oben. Angepeilt sind 70 %, dann fällt wenigstens die ungeliebte Kfz-Steuer weg.
Zeitverzögerte Resonanz in der Abendrunde
Abendrunde – die allerletzte Gelegenheit, noch etwas zum Tag zu sagen. Plötzlich sind alle wegen der tiefen Gesprächstherapie von heute total mitgenommen; die Emotionen scheinen bei einigen wohl zeitversetzt einzutrudeln. Immerhin findet die offizielle Zeitumstellung erst am kommenden Wochenende statt. Ich für meinen Teil gehe heute jedenfalls deutlich früher schlafen und nehme mir fest vor, bei der nächsten Gruppentherapie einfach mal gepflegt die Klappe zu halten.
Die Architektur des Abschieds und das letzte Hemd
Die dunkle Ironie der Stockwerke
Die Architektur dieses Hauses hat eine dunkle Ironie: Die ersten zwei Stockwerke gehören der Palliativstation. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen zwischen Psychosomatik und dem finalen Abgang. Man sieht es im Treppenhaus, man sieht es auf dem Weg zum Aufzug – Gevatter Tod ist hier allgegenwärtig.
Wenn man dort vorbeigeht, wird man unweigerlich Zeuge der ganz großen menschlichen Dramen. Da kommen Angehörige aus einem Zimmer und fangen an zu weinen. Es kann ihnen in dem Moment noch gar nicht klar sein, wie wichtig der Abschied für ihr eigenes Weiterleben ist. Jahre in diesem terminalen Zustand zu verbringen, würde die ganze Kraft rauben und düstere Gedanken bringen.
Erinnerungen & die Taktung des Abschieds
Ich kenne das selbst: Als Laszló das dritte Mal nach Ungarn gefahren ist, weil der Arzt ihn zu seinem Vater ans Bett gerufen hatte, hat der Alte sich jedes Mal noch ein bisschen erholt. Als Laszló dann auf dem Rückweg war, ist er gestorben, und Laszló musste umkehren, um sich als Erstgeborener seiner Pflicht zu stellen. Er hat sich lange Vorwürfe gemacht, weil er einmal, völlig übermüdet, das Falsche gesagt hatte.
Wenig später rollt unten der Leichenwagen vor, die Fahrer laden die mattschwarze Bahre ein, und kurze Zeit später parkt der nächste Krankenwagen rückwärts ein, um den Leerstand wieder aufzufüllen. Es ist eine lückenlose Taktung des Abschieds.
Klammern, Loslassen und der flüchtige Augenblick
Besonders greifbar ist diese panische, fast krampfhafte Ohnmacht der Angehörigen. Sie wollen die verlorene Zeit aufholen, klammern sich an jede verbleibende Minute, wollen am liebsten 24 Stunden am Tag auf dem Stuhl neben dem sterbenden Bett hocken, um das Unvermeidliche durch pure Anwesenheit aufzuhalten. Doch die Realität des Sterbens folgt eigenen Gesetzen: Die allermeisten Menschen können erst gehen, wenn sie alleine sind. Es reicht dieser eine, flüchtige Augenblick, in dem die besorgte Tochter kurz auf die Toilette huscht oder der Ehemann sich nach einem Becher Kaffee bückt – zack, und in genau diesem Wimpernschlag bricht die Seele auf in ein neues Sein.
Alte Wunden & die letzte Gerechtigkeit
Wenn ich das sehe, zuckt in mir kurz die alte Wunde zusammen, die alten Gefühle kommen hoch, und ich kann sogar die Gerüche des Desinfektionsmittels wieder wahrnehmen. Für mich ist der Tod jedoch kein schwarzes Loch, sondern schlicht ein Übergang in etwas Neues. Draußen brennt ohnehin eine Kerze für jeden von uns, und das Datum ist längst eingraviert.
Das Sterben ist am Ende das Einzige, das wirklich absolut gerecht ist auf dieser Welt: Es holt den Millionär aus der Villa genauso ab wie den Obdachlosen von der Parkbank. Keine Extrawurst, kein VIP-Ticket, keine Bestechung. Das beruhigt mich mehr als jede Therapie. Das letzte Hemd hat eben keine Taschen, und das ist verdammt gut so.

