Dienstag, 27. Oktober: Früher Kaffee, die Bürde von 50 Jahren und das Erbe der Gewalt

Wie schön es wäre, mal wieder eine Nacht lang durchzuschlafen, denke ich und stehe dann doch um 04:00 Uhr auf. Wie beruhigend es ist zu wissen, dass Frau G. im Urlaub ist, merke ich, als ich ohne zu zögern in die Küche gehe, um mir einen Kaffee zu holen. Die Pflegerin „von weitweitweg“ hat Nachtdienst und schenkt mir ein „Guten Morgen“ mit einem Lächeln, das aussagt: Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag. Sie gehört zu der Sorte Mensch, die scheinbar schon früh gelernt hat, auf eigenen Beinen zu stehen – und das trotz ihres noch jungen Alters. Sie hat schon Beachtliches erreicht und ist dabei bescheiden, freundlich und hilfsbereit geblieben.

Sie ist eine gute Zuhörerin, und es macht einfach Spaß, sich mit ihr über Gott und die Welt zu unterhalten. Nach dem Frühstück und der Morgenrunde geht es nach einer kurzen Pause zur Gruppentherapie. Vor dieser Therapie habe ich mit Abstand am meisten Respekt. Sie kann so tief unter die Haut gehen, dass man danach eine ganze Weile braucht, um sich wieder zu erholen.

Stille Wasser sind tief, sagt man – und wie tief sie sein können, zeigt sich, als eine Mitpatientin ein Thema einwirft, das ich im ersten Moment am liebsten ablehnen möchte, weil ich darin keinerlei Tiefe erkennen kann. Sie hält sich normalerweise extrem zurück; sie ist zwar freundlich, aber man spürt, dass das Leben ihr wahrlich nicht gut gesonnen war. Die Verbitterung ist ihr deutlich anzusehen, auch wenn sie krampfhaft versucht, nicht allzu sehr durchblicken zu lassen, wie tief sie sitzt. Sie spricht sonst nicht viel, aber heute hat sie einiges zu erzählen. Das Thema lautet: Wie erkläre ich Angehörigen und Bekannten, was Psychosomatik ist, und wie verhindere ich, dass die Leute denken, ich sei in einem „Irrenhaus“?

Was auf den ersten Blick so simpel zu beantworten schien, entwickelt auf den zweiten eine Dynamik, die unglaublich schnell an Tiefe gewinnt. Es gewährt allen einen unbarmherzigen Blick hinter dieses Gesicht und offenbart zumindest einen Teil der Bürde, die diese Frau ihr Leben lang mit sich herumschleppt. Das geht so tief unter die Haut, dass einige im Raum anfangen zu weinen, während anderen schlicht die Worte fehlen.

Sie nimmt uns mit in eine Zeit vor 50 Jahren – irgendwo in einen ländlichen Raum, in dem es kaum etwas zu essen gab und ein Kind dringend die Liebe und den Schutz beider Eltern gebraucht hätte. Da ich sofort begreife, wohin sich diese Geschichte entwickeln wird, gehen bei mir sämtliche Alarmanlagen an, und ich spreche fortan nur noch dann, wenn ich es für absolut unvermeidlich halte. Auf einmal packt mich die Angst, dass die Thematik – die zweifelsohne ein gnadenloses Wiedererleben dieser schlimmen und gewalttätigen Zeit darstellt – auf mich überspringen könnte.

Manchmal braucht es keine Worte, um das Schicksal eines anderen Menschen zu erkennen. Ich weiß um ihre Geschichte, um ihren Vater, der vor keiner Gewalttat zurückschreckte. Wenn man selbst aus einem Abgrund von elterlicher Brachialgewalt kommt, entwickelt man eine Antenne für diese stille, früh gelernte Selbstständigkeit. Mein eigener Abgrund trug den Namen meiner Mutter.

Sie war eine Frau, die ebenfalls vor nichts zurückschreckte. Keine Drohung war ihr zu extrem, keine körperliche Grausamkeit zu brutal. Wenn das eigene Zuhause kein Schutzraum ist, sondern ein Minenfeld, auf dem man als Dreijähriger bereits um sein Überleben kämpfen muss, lernt man das Wort „Kindheit“ nicht kennen. Ich wurde nicht beschützt – ich musste zum Beschützer meiner kleinen Brüder werden, lieferte mich freiwillig ihren Schlägen aus, nur um das Schreien meiner kleinen Brüder nicht hören zu müssen.

Wenn ich meine Mitpatientin jetzt ansehe, spüre ich eine tiefe, stumme Hochachtung. Es gibt zwei Wege, wenn man von den eigenen Eltern zerbrochen wird: Man wird selbst grausam – oder man entscheidet sich wie sie (und wie ich heute), der Welt trotz allem mit Freundlichkeit, Haltung und Hilfsbereitschaft zu begegnen. Ihre Sanftheit ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der schwer erkämpfte Sieg über den Schmerz ihrer Herkunft.

Später beim Einzelgespräch mit der Oberärztin wird mir bewusst, wie verletzlich ich auf einmal bin.
Ich spreche Themen an, die ich niemals wieder an die Oberfläche lassen wollte und doch bin ich froh, dass ich sie ein einziges Mal ausgesprochen habe, genau wie diese Frau.

Da meine Mutter zum Glauben gefunden hat, ist ihr ein Platz im Paradies sicher.

Der Abend bringt keine Erleichterung, nur die schlichte Erkenntnis, dass wir alle hier sind, um unsere Geister zu vertreiben – jeder auf seine Weise, und jeder mit seiner ganz eigenen Wunde im Gepäck.

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