Mittwoch, 28. Oktober: Leerlauf, künstlicher Diabetes und das Phänomen „Messermann“

Mittwoch, 28. Oktober

 Leerlauf, künstlicher Diabetes und das Phänomen „Messermann“

Komische Nacht, komischer Traum, komische Art, einen Tag zu verarbeiten. Ich bin mal wieder viel zu früh wach und wundere mich, wie quälend langsam die Zeit vergehen kann. Da Kaffee und Nikotin heute vorerst ausfallen, bleibe ich zunächst liegen, aber kurz vor 05:00 Uhr halte ich es absolut nicht mehr aus und stehe auf. Ich gehe zu der Pflegerin „von weitweitweg“ und grüße artig. Sie sieht heute aus, als könnte sie dringend eine Mütze Schlaf vertragen, ist aber trotzdem gewohnt gut gelaunt. Wir wechseln ein paar Nette Worte und normalerweise würde ich jetzt eine Zigarette rauchen gehen, dabei fällt mir  schlagartig auf, wie viel Zeit ich normalerweise mit Rauchen verbringe – jetzt, wo das wegfällt, wird mir im Leerlauf langweilig.

Endlich fängt dieser Glukosetest an, der offiziell bestätigen soll, dass ich Diabetes habe, damit ich das Rezept für eine Abnehmspritze bekomme, für die ich ansonsten stramme 180 Euro im Monat hinblättern müsste. Die große, ketzerische Frage im Raum: Lohnt es sich eigentlich, Diabetes zu bekommen, nur um ein Rezept für ein Medikament zu bekommen, das mich evtl. abnehmen lässt? Immerhin werde ich bei diesem fragwürdigen Vorhaben tatkräftig von Fiona unterstützt, die mir gestern großherzig Gummibärchen und Schokolade gesponsert hat, um meine Blutwerte gezielt in astronomische Höhen zu treiben, damit die Diagnose auch ja glatt durchgeht.

Da heute krankheitsbedingt ohnehin eine Therapie ausfällt, bekomme ich immerhin die offizielle Genehmigung, den Waschsalon aufzusuchen und meine Wäsche zu waschen – ist schließlich auch eine Form von Beschäftigungstherapie, um die Zeit totzuschlagen und den Kopf frei zu kriegen.

Wenn der klinische Alltag seine schweren Kulissen herunterfährt, bleibt Raum für die wesentlichen Dinge. Die mechanische Arbeit beim Wäschewaschen bietet den perfekten Gegenpol zu den emotionalen Abgründen des Vortags. Man schrubbt den Dreck aus den Klamotten und richtet den Blick auf die verbleibenden Störfaktoren des Stationslebens – allen voran auf Exemplare wie unseren  Ü60„Messermann“.

Sein Profil ist so traurig wie entlarvend: 40 Jahre in einem Industriebetrieb, davon 26 Jahre als Betriebsrat. Ein Mann, dessen gesamte Identität und Existenz an eine institutionelle Rolle geknüpft war. Seit der Kündigung und dem Gang vor das Arbeitsgericht steht er vor dem Nichts; seine Krankmeldungen sind nur noch das künstliche Atmen, um die Zeit bis zur Rente zu überbrücken. Da ihm jegliche echte emotionale Resonanz fehlt, agiert er in der Klinik aus einer massiven sozialen Blindheit heraus. Er nervt die jüngeren Frauen mit plumpen, sexualisierten Witzen im Gewand des „väterlichen Freundes“, gibt im Einzelgespräch absolut nichts von sich preis, weil das Schutzpanzer und Scham auslösen würde, und übernimmt in den Abendrunden  fremde Gedanken, weil er selbst intellektuell völlig ausgetrocknet ist.

Besonders absurd zeigt sich diese Störung auf dem Raucherplatz: Wenn dort in geschützter Atmosphäre ein seltenes, tiefes Gespräch entsteht, bricht er jedes Mal mit seiner Holzhammermethode dazwischen, um das fragile Band zu zersplittern. Echte Intimität kann er weder nachempfinden noch ertragen, also muss er das Vakuum mit seiner lauten Präsenz füllen. Niemand konfrontiert ihn mehr aktiv; man hat sich in der Gruppe auf das stille, resignierte Warten geeinigt, bis sein Name  von der Liste verschwindet.

Das ist alles? Ja, manch ein Tag hat eben keine epischen Abgründe zu bieten, sondern besteht einfach nur aus stumpfer Langeweile, künstlich provozierten Zuckerwerten, frisch gewaschener Unterwäsche und der schlichten Erkenntnis, dass manche Geister einfach nur einsam sind, bevor sie gehen.

 

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