Mittwoch: Druck, Scham und alte Bewältigungsmuster

Körperliche Grenzen & Reibung im Stationsalltag

Eigentlich wollte ich heute umschwenken und damit beginnen, ein bisschen mehr Humor in die Sache zu bringen. Leider hatte ich die Nacht über Krämpfe, was den amateurhaften Versuchen der Pfleger geschuldet ist, meine Verstopfung zu behandeln. Ich besorge heute Rizinusöl und schütte es in ihren Kaffee – wenn man gemeinsam leidet, ändern sich manchmal schlagartig gewisse Behandlungsformen. Das werde ich natürlich nicht tun, aber denken tu ich dran.

Das Frühstück, garniert mit einem für mich toxischen Lebensmittel, ließ meine gute Laune gegen den Nullpunkt sinken, und ich machte meinem Frust ausgerechnet bei der einzigen Pflegekraft Luft, die ich nicht leiden kann. Das brachte mir nach der Morgenrunde ein „Warten Sie, bis alle weg sind, ich muss mit Ihnen reden“ ein. Sie hatte eine neue Kollegin dabei und wollte sich wohl ein bisschen bei ihr aufspielen, was meinen Frust und meinen Blutdruck nur noch mehr in die Höhe schnellen ließ. Besagte Fachkraft bringt es fertig, mich nachts um drei Uhr, wenn ich in die Küche gehe, um mir ein Wasser zu holen, ein therapeutisches Einzelgespräch aufzudrücken, damit ich das Gefühl bekomme, man kümmert sich um mich. Wenn ich dann um 06:00 Uhr das Zimmer verlasse, steht sie vor meiner Tür und strahlt mich an, was zumindest verstörend ist. Als sie aber dann noch nachzählte, wieviel Salami ich mir aufs Brot lege, war es für mich endgültig vorbei, und ich beschloss, etwas dagegen zu unternehmen.

Kunsttherapie & die Konfrontation im Einzelgespräch

Kunsttherapie: Ich konnte mir nicht wirklich was darunter vorstellen, aber ich muss zugeben, die Therapeutin war äußerst sympathisch, und die Stunde machte Spaß. Ich versuchte mich an der Zeichnung eines Auges, was bestenfalls erkennbar war.

Im Anschluss darauf folgte das Einzelgespräch mit der Oberärztin, was mich völlig geflasht hat, da auf einmal Rassismusvorwürfe und grenzüberschreitende Witze im Raum standen – gemeldet vermutlich von eben jener Pflegerin, die ich mittlerweile gefressen hatte. Kanacke- und Priesterwitze scheinen nicht jedermanns Sache zu sein, und eine Mitpatientin schaffte es sogar, dem Wort „Kanake“ einen geographischen Ort irgendwo im Mittleren Osten zu geben.

Schammodus & administrative Notbremse

Nachdem mich die Scham überwältigt hatte, funktionierte ich nur noch im Notfallmodus, zeigte meine Not aber nicht. Ich musste noch kurz auf Station, um etwas zu holen, und die Pflegerin, die nun zu einem Albtraum geworden war, wollte mich wieder zu einem Gespräch einladen, was ich aber ablehnte. Ihr verdutztes Gesicht gefiel mir.

Dann musste ich auch schon wieder los, denn der Tag der Vertragsunterzeichnung war gekommen. Ich musste zur städtischen Wohnungsvermittlungsagentur, um die Verträge abzuholen – was in der Theorie einfach war, in der Praxis aber irre anstrengend, da die Managerin einen Wahnsinnsdruck aufbaute und ihr Versäumnis auf mich abwälzte. Die Wohnung hätte zum 01.10. vermietet sein sollen, nun stand im Mietvertrag „voraussichtlich zum 16.10.“, und sie bestand darauf, dass ich bis zum nächsten Tag alles erledigt hätte, um ihr dann gleich den Mietvertrag inkl. der Kaution vorzulegen.

Externe Entlastung & die Rückkehr der Containerfunktion

Da ich immer noch im Schammodus war, wandte ich mich an eine Person meines Vertrauens, in diesem Fall von der Caritas. Sie kannte mich schon länger und wusste, dass ich meinen Kram im Normalfall selber regelte und ihre Hilfe nur in Anspruch nahm, wenn es nicht anders ging. Sie war erstaunt, mich so zu sehen, das merkte man ihr an, aber sie tat ihr Bestes, um mich zu unterstützen, so dass wir, als wir uns trennten, alle Aufgaben abgearbeitet hatten und ich zurück in die Therapieeinrichtung gehen konnte.

Ich stand total neben mir und war körperlich ziemlich am Ende. Ich machte mir noch einmal bewusst, warum ich eine Therapie begonnen hatte, und beschloss, mich beim Abendessen zu einer Entschuldigung vorzutragen – zumindest bei denen, die es für notwendig erachteten. Manch einer dachte, ich scherze; als klar wurde, dass das mein voller Ernst war, wollte einer die Therapie abbrechen.

Ein bisschen viel Drama, um den Tag zu beenden, also stellte ich meine Containerfunktion zur Verfügung, wohl wissend, dass ich eigentlich auf dem Zahnfleisch ging und keine Kapazitäten mehr hatte. Hunde können den Stress abschütteln, ich versuchte es mit einer heißen Dusche, was mäßigen Erfolg hatte. Als ich dann meine „Scheißegal“-Tablette einnahm, sank ich auch schon in den Schlaf.

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