Heute ist Montag. Montag ist der Tag nach dem Wochenende, der Tag, an dem es wieder anfängt, an dem der Alltag wieder beginnt. Erfahrungsgemäß ist das nicht jedermanns Tag, was man an den sogenannten Montagsautos sieht. Ich selbst habe zwar gut geschlafen, bin aber sehr schwer aus dem Bett gekommen – Depression?
Die Anhedonie ist auch ein Punkt, der gerade ziemlich belastend ist; nur eingeschränkten Zugang zu seiner Gefühlswelt zu haben, muss sich für Außenstehende zumindest seltsam anhören. Die Euphorie, die gestern Abend durch die Gruppe ging, war heute Morgen verflogen; beim Frühstück waren zwar noch alle um Contenance bemüht, spätestens bei der Körpertherapie fiel diese aber ab.
Wir sollten mit einer Schnur eine Grenze um uns legen, einen Safespace kreieren. Die Therapeutin wollte sich dann diesem Safespace annähern, übertrat ihn dann aber andeutungsweise mit einem Bein, was zumindest bei einigen einen gewissen Grad der Entrüstung erzeugte. Andere hätten lieber über die Grenze gesprochen und waren deswegen frustriert, wieder andere ließen es an Sensibilität und Fingerspitzengefühl mangeln und reagierten auf unangenehme Thematiken mit Abwehrreaktionen. Alles in allem würde ich sagen: Mission geglückt, alle sind verärgert.
Bald ist Mittagessen, und wir werden sehen, ob und wie sehr sich einzelne wieder gefangen haben. Ich selbst bin seit einer Entspannungsübung sehr müde; ich habe die Befürchtung, dass die PMR mich eher noch mehr müde machen wird. Die Zeiten zwischen den Therapien sind mit 90 Minuten hoffentlich ausreichend, um zu regenerieren.
Ich habe auch die Übung mit dem Safespace, den andere ganz anders interpretiert haben als ich, eher als ein Theaterstück angesehen, in dem Probanden sich dann eben genehm geäußert haben. Eine Person – noch dazu weiblich –, die im Schneckentempo auf mich zukommt, wird von meinem Nervensystem vielleicht als nervig, nicht jedoch als Gefahr eingestuft. Körpersprache, Mimik und Energie haben überhaupt nicht gepasst, um eine Gefahrensituation zu simulieren.
Ansonsten bin ich heute bei mir und achte auf mein Benehmen; ich möchte nächste Woche nicht wieder unzufrieden sein.
Erstens kommt’s und zweitens anders als man denkt. Diese Binsenweisheit kenne ich seit meiner Kindheit, und doch erstaunt es mich jedes Mal aufs Neue, wie viel Wahrheit darin steckt. Ein Anruf zerstörte die ganze Ruhe mit einer Wucht, auf die ich nicht vorbereitet war. Die viele Ruhe scheint zur Folge zu haben, dass man auf äußere Reize heftiger reagiert, vielleicht in Kombination mit meiner Müdigkeit noch etwas verstärkt.
Ich bekam einen Anruf von einem staatlichen Wohnungsvermittlungsamt mit der Frage, ob ich eine bereits besichtigte Wohnung anmieten wolle. Ich warte jetzt seit fünf Jahren auf die Zuteilung einer Wohnung und hätte eigentlich allen Grund gehabt, mich zu freuen. Die Bedingung war jedoch eine Zusage innerhalb von 90 Minuten. Da der Anruf erst nachmittags kam, löste das in mir eine ziemliche Panik aus; das ging so weit, dass ich zur Oberärztin musste, um meine Gedanken zu ordnen.
Nachdem das Chaos wieder überschaubar war, fiel ich wieder in den Controller-Modus, von dem ich offen gestanden nicht weiß, ob er Fluch oder Segen ist. Ich ließ meine Kontakte spielen und erreichte, dass ich ein gewisses Maß an Rückhalt bekam – eine Behörde gegen die andere. So bestärkt gab ich Bescheid, dass ich die Wohnung nehmen würde. Damit war der Spuk vorbei und ich konnte wieder anfangen, mich herunter zu regulieren.
Später gab es noch eines von jenen Gesprächen, die interessant und gleichzeitig therapeutisch wirken. Der Austausch von Wissen, das zweifelsohne jeder hier hat und das leider viel zu wenig zelebriert wird, bringt einfach viel mehr als die theoretische Weiterbildung mit KI oder im Internet. Dabei erstaunt mich immer wieder, wie wenig manche Leute das Offensichtliche bereit sind zu akzeptieren, und sich stattdessen hinter einem Pseudoselbstbewusstsein verstecken, ohne in der Lage zu sein zu reflektieren, dass das alles ein Schutzwall ist, der der eigenen Genesung im Wege steht. Genau die sind es, die Grenzen übertreten, eigene Fehler infrage stellen und unfähig sind, die feinen Schwingungen wahrzunehmen, die jeder von uns ausstrahlt.
Die Gruppe wächst täglich ein Stück mehr zusammen. Leider geht diejenige, von der ich persönlich am meisten hätte profitieren können, in wenigen Tagen, und viele Fragen, die ich hätte stellen wollen, werden unbeantwortet bleiben, bis ich die Antwort selbst herausfinde.
Ein willkommener Blick in mein Inneres: Tatsächlich kann ich es gerade nicht richtig reflektieren, da ich seit einigen Tagen unter Verstopfung leide und jetzt warte, dass ein Medikament, das mir Erleichterung verschaffen soll, endlich anfängt zu wirken. Es ist an der Zeit, auch mich zu hinterfragen, was für mich eigentlich keinen Stress bedeutet, weil ich daraus jedes Mal lerne.
Dienstag. Der Tag nach Montag. Die Nacht endete um 04:30 Uhr, und ich genoss die Ruhe und die Stille. Ich war in meiner Mitte und freute mich auf den Tag. Nach Arbeiten am Blog und dem Blitzlicht ging es nun zur Gruppentherapie.
Die Gruppentherapie fing schon sehr schwer an, weil niemand so richtig sein Innerstes nach außen kehren wollte. Schließlich meldete sich eine Frau, ebenfalls aus dem Cluster-B-Spektrum mit diagnostizierter Borderline. Die Thematik selbst war eine ausgezeichnete Wahl, nämlich Ohnmacht.
Teilweise sahen sich andere ebenfalls in dieser Thematik, ich selbst konnte für mich nur sehr schwer Verbindungspunkte finden. Die Suche nach Querverbindungen war für mich sehr anstrengend. Mein Fazit dieser Runde: Entweder ist meine Leidensgenossin nicht wirklich in der Lage, ihre Empfindungen und Emotionen zu beschreiben, oder aber für mich ist Ohnmacht etwas ganz anderes – ein existenzieller, biologischer Notfall und Traumakomplex, der weit über theoretische Erklärungen hinausgeht.
Bei der Betrachtung der eigenen Struktur wurde mir heute einmal mehr schmerzhaft bewusst, dass ich in klassischen Gruppen kaum Menschen finde, die diesen Weg teilen. Die Suche nach jemandem, der so ist wie man selbst, läuft ins Leere; jeder hat sein eigenes Spektrum, und das Gefühl der Isolation bleibt, auch wenn man im selben Raum sitzt.Bei der Betrachtung der eigenen Struktur wurde mir heute einmal mehr schmerzhaft bewusst, dass ich in klassischen Gruppen kaum Menschen finde, die diesen Weg teilen. Die Suche nach jemandem, der so ist wie man selbst, läuft ins Leere; jeder hat sein eigenes Spektrum, und das Gefühl der Isolation bleibt, auch wenn man im selben Raum sitzt. Wieso bin ich überhaupt auf dieser Suche? Vielleicht deshalb, weil ich mir jemanden wünsche, vor dem ich die Rüstung ablegen kann, ohne etwas erklären zu müssen – einen echten Zeugen für meine Realität. Doch am Ende muss ich mir eingestehen, dass diese exakte Spiegelung im Außen nicht existiert und ich mit meiner Struktur ein Unikat bin, das seinen Weg selbst halten muss.
Der Rest des Tages ist nun mehr oder weniger frei mit Mittagessen, Blitzlicht und Abendessen, und ich versuche, mich ein wenig mit meinem Blog zu beschäftigen, um den Fokus zu halten.

