Therapie-Tagebuch: Woche 01 – Die Ankunft & das System

Von der Ablehnung zur Aufnahme

Es ist ein langer Weg von der ersten Erkenntnis bis zu dem Moment, in dem man tatsächlich auf einer Station ankommt. Als ich im Februar 2025 meine Diagnose erhielt, war der Wunsch nach Unterstützung da, doch die damalige Reaktion war eine Ablehnung aufgrund der eingeschätzten Suizidgefahr. Eineinhalb Jahre lagen zwischen diesem Entschluss und dem erneuten Versuch, einen Platz zu finden. Nach dem Telefonat mit Dr. Szydlo schien sich der Weg zunächst in Richtung einer Abklärung in Mannheim wegen der Fatigue zu verschieben. Umso überraschender kam der Anruf am Donnerstag der letzten Woche: Die stationäre Aufnahme im RBK war plötzlich real geworden. Es zeigt, dass sich manchmal Wege öffnen, mit denen man zu diesem Zeitpunkt nicht mehr gerechnet hat.

Panik, Behörden und die Wohnungsbesichtigung

Auf den Anruf folgte zunächst ein starker Panikzustand, da vor der Aufnahme noch zahlreiche Dinge geregelt werden mussten. Besonders der Konflikt mit einem bereits vereinbarten Wohnungsbesichtigungstermin am Montag um 15:00 Uhr, den ich unbedingt wahrnehmen wollte, erzeugte Druck. Unaufgefordert schickte ich die Einladung ab und wartete auf die Reaktion – die jedoch völlig stressfrei ausfiel. Die Oberärztin signalisierte, dass dies alles kein Problem darstelle, und bestätigte auch, dass das spezielle Blutbild, welches ich in der PIA angefordert hatte, direkt vor Ort erstellt werden würde. Die anschließende Diagnostik verlief umfassend und in einer Form, wie ich sie bisher noch nicht erlebt hatte; es wurde gezielt auf ein ganzheitliches Bild hingearbeitet. So konnte ich die Wohnungsbesichtigung am Ende völlig ohne Zeitdruck wahrnehmen.

Ankommen und erster Rahmen

Die Festlegung, dass Essenszeiten gleichzeitig als Therapiezeiten mit Anwesenheitspflicht gelten, schuf direkt einen klaren Rahmen. Ohne diese Vorgabe hätte ich mich in der ersten Phase vermutlich auf mein Zimmer zurückgezogen. So jedoch führte der äußere Zwang dazu, dass ich die Mitpatienten deutlich schneller kennenlernte. Die Begegnungen waren durchweg angenehm, auch wenn man einigen von ihnen sofort ansah, dass sie gravierende Unterstützung benötigten.

Klang ohne Harmonie: Die Musiktherapie

Statt der geplanten Kunsttherapie startete der Dienstag mit Musiktherapie. Auf die Frage nach dem Sinn dieser Einheit antwortete ein Mitpatient offen, dass er diesen nicht verstehe und deshalb noch nichts Konkretes dazu sagen könne – ein Impuls, den ich innerlich nur zu gut unterschreiben konnte. Wir erhielten Klang- und Zupfinstrumente, die jedoch bewusst so beschaffen waren, dass sie keiner klassischen Dur-Leiter folgten, sondern reinen Klang erzeugten. Als acht Personen gleichzeitig Klänge produzierten, die in keinerlei Harmonie zueinander standen, stieg in mir sofort der starke Drang auf, den Raum zu verlassen. Doch ich blieb. Ich war hier, um etwas zu ändern, also hielt ich den Zustand aus. Mit fortschreitender Zeit spürte ich, wie Aggressionen in mir hochkamen. Ich konnte sie zwar kontrollieren, sprach sie jedoch offen an. Als die Stunde schließlich endete, überwog die pure Erleichterung.

Gruppendynamik und alte Muster

Unter der Gruppentherapie konnte ich mir im Vorfeld wenig Konkretes vorstellen. Doch ich lernte schnell, dass es hier kein oberflächliches Miteinander gab. Wenn jemand ein Thema ansprach – oftmals von tiefgreifender persönlicher Natur –, wurde das innerhalb der Gruppe offen verhandelt. Für mich bedeutete das eine enorme emotionale Belastung: Mir blutete das Herz, oder ich schwankte in raschem Wechsel zu spürbarer Aggression. Da es so viele Parallelen zu meiner eigenen Kindheit gab, blieb es nicht bei einer reinen Empathie von außen; ich erlebte das Geschehene direkt innerlich nach. Dabei wurde mir auch bewusst, wie unterschiedlich die Schutzstrategien der Einzelnen ausgeprägt waren. Verdrängung schien ein weitverbreitetes System zu sein, das sich beispielsweise darin zeigte, dass eine Teilnehmerin überhaupt nicht verstand, warum die Gruppe auf ein bestimmtes Thema so schockiert und traurig reagierte.

Skepsis gegenüber Medizinern & die Einzeltherapie

In den Gesprächen sprach ich auch Themen an, die man durchaus meiner antisozialen Seite zuordnen kann. Aufgrund massiv schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit – sei es in der Onkologie oder während einer Reha – ist mein Grundvertrauen in medizinisches Personal stark beschädigt. Wenn in Nachrichten beispielsweise berichtet wurde, dass Ärzte in Berlin aus Fenstern geworfen wurden, berührte mich das emotional kaum noch. Ich versuchte jedoch, sachlich zu erklären, dass Ärzte eine besondere Sorgfaltspflicht tragen und aus meiner Sicht allzu oft die Verantwortung abgeben wollen. Die Ärztin reagierte darauf äußerst besonnen, wofür ich ihr sehr dankbar war. Auch in der Einzeltherapie wurde dieses Thema noch einmal kurz aufgegriffen, bevor wir zu anderen Inhalten übergingen. Die behandelnde Ärztin agierte bei jedem Schritt sehr behutsam und bremste mich auch das ein oder andere Mal, was mir außerordentlich gut gefiel und mir half, Vertrauen aufzubauen. Bisher gibt es absolut keinen Grund für Kritik – abgesehen davon, dass mir das Essen auf Station deutlich zu wenig ist.

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