Wenn die Politik über das Bürgergeld hetzt, trifft das vor allem die Schwächsten: chronisch Kranke und traumatisierte Menschen. Meine eigene Biografie zeigt, warum das aktuelle System uns zermürbt – und warum wir endlich laut werden müssen.
Wenn in Talkshows, Medien und der Politik über das Bürgergeld debattiert wird, dominiert fast immer eine einzige Figur: der „arbeitsunwillige Arbeitslose“. Es wird ein Bild gezeichnet von Bequemlichkeit, von Menschen, die es sich in der sozialen Hängematte gemütlich gemacht haben und staatliche Unterstützung der Erwerbsarbeit vorziehen.
Wenn ich diese Hetze höre, könnte ich explodieren. Nicht nur, weil diese Erzählung empirisch längst als sozialpolitischer Mythos widerlegt ist, sondern weil sie wie ein Schlag ins Gesicht derer ist, die unverschuldet den Boden unter den Füßen verloren haben. Meine eigene Biografie widerlegt diese Schablone komplett – und sie steht stellvertretend für unzählige Menschen, die durch Krankheit, Trauma oder Schicksalsschläge aus einer stabilen Existenz gerissen wurden.
Vom Macher zum „Fall“ im System
In meinem früheren Leben war ich selbstständig im Innenausbau tätig. Ich habe hart gearbeitet, Verantwortung getragen und für meine Verhältnisse gut gelebt. Als meine Frau an Krebs erkrankte, habe ich alles verkauft und geopfert, um ihr beizustehen. Ich habe sie bis zu ihrem Tod im Juni 2020 gepflegt und begleitet. Die tiefe, abnorme Trauer und die völlige Isolation danach rissen mir den Boden unter den Füßen weg.
Drei Jahre später habe ich mich wieder aufgerappelt. Ich wollte unseren gemeinsamen Traum leben und begann mit über 50 Jahren eine körperlich harte Ausbildung im Fleischerhandwerk. Ich habe mein erstes Lehrjahr mit einem sehr guten Zeugnis abgeschlossen. Ich wollte arbeiten. Ich wollte funktionieren.
Doch dann zog mein Körper die absolute Notbremse: Im Oktober 2024 erlitt ich einen Herzinfarkt (NSTEMI) und einen Schlaganfall, gepaart mit einer tiefen Beinvenenthrombose. Meine linke Körperseite ist seitdem massiv eingeschränkt, die Kraft in meiner Hand ist auf einen Bruchteil reduziert. Dazu kam die Diagnose, die mein gesamtes inneres Chaos endlich erklärte: Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) mit rezidivierender Depression und schwerer Fatigue.
„Ich bin nicht im Bürgergeld, weil ich nicht arbeiten will. Ich bin dort, weil mein System – physisch wie psychisch – unter der jahrzehntelangen Überlastung kollabiert ist.“
Die toxische Mischung aus Borderline und Armut
Menschen, die nicht von BPS betroffen sind, verstehen oft nicht, was diese Diagnose im Alltag bedeutet. Borderline ist im Kern eine massive Störung der Emotionsregulation, geprägt von massiven Ängsten, einer hohen emotionalen Empfindlichkeit und ständiger innerer Anspannung. Komorbiditäten wie Depression, Sucht oder Essstörungen gehören genauso dazu wie Selbstverletzung, eine tiefe Angst vor dem Verlassenwerden und Depersonalisation.
Armut und die Abhängigkeit vom Jobcenter sind in diesem Zustand nicht einfach nur ein „finanzieller Rahmen“. Armut ist ein gnadenloser, chronischer Stressor, der die psychische Widerstandskraft zerstört und als permanenter Trigger wirkt. Wer täglich mit Existenzängsten kämpft, wer um angemessenen, bezahlbaren Wohnraum betteln muss, in den überhaupt noch ein Kleiderschrank passt, dessen Nervensystem bleibt dauerhaft im Alarmmodus.
Ein System, das Kranke zermürbt
Das Versorgungssystem ist auf Menschen wie uns nicht ausgelegt. Termine, Sanktionsdrohungen und bürokratische Nachweispflichten sind für Menschen mit einer stabilen Psyche machbar. Für einen instabilen Menschen mit Borderline, Fatigue und kognitiven Einschränkungen nach einem Schlaganfall sind sie eine absolute Überforderung.
Das System verlangt von uns, dass wir uns „stabil“ verhalten, während wir gleichzeitig permanent beweisen müssen, dass wir „krank genug“ sind. Das ist ein Widerspruch, der uns zermürbt.
Studien belegen längst: Armut macht krank, und Krankheit macht arm. Fast die Hälfte der Bürgergeldbeziehenden nennt gesundheitliche Probleme – insbesondere psychische Erkrankungen – als Hauptgrund für den Leistungsbezug. Wir scheitern nicht an mangelnder Motivation, sondern an fehlenden Therapieplätzen, monatelangen Wartezeiten und an Begleiterkrankungen wie Depressionen, Sucht oder massiver körperlicher Erschöpfung.
Die Waffe der Scham
Der aktuelle politische Diskurs ignoriert völlig, dass ein Großteil der Leistungsbeziehenden zu den verletzlichsten Gruppen der Gesellschaft gehört. Anstatt eine differenzierte Anerkennung dieser Lebenslagen zu fördern, wird das Risiko individualisiert und moralisiert. Die geplanten harten Einsparungen im Haushalt verschärfen die Lage nicht nur im psychiatrischen Bereich massiv, sondern im gesamten medizinischen Sektor. Wer nicht das Glück hat, privat versichert zu sein, hat das Nachsehen – womit die Zweiklassengesellschaft automatisch Realität geworden ist.
Die Folgen dieser Hetze sind fatal: Umfragen zeigen, dass sich 42 Prozent der Menschen im Bürgergeld für ihren Status schämen. Auch ich kenne dieses brennende Gefühl der Scham und den damit verbundenen Selbsthass. Als jemand mit Borderline, dessen Selbstbild ohnehin extrem instabil ist, trifft mich die gesellschaftliche Abwertung als „Schmarotzer“ oder „Ballast“ doppelt hart.
Borderline hat eine der höchsten Suizidraten in der Psychiatrie. Das war letztlich der Grund, warum Marsha Linehan die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) entwickelt hat. Die aktuellen politischen Anfeindungen und Sparmaßnahmen sind medizinisch gesehen eine absolute Kontraindikation und werden die Situation Betroffener nur weiter verschlimmern.
Mein Fazit: Würde statt Erwerbsarbeit
Es ist zynisch, Menschen, die durch schwerste Traumata, Krankheiten und Schicksalsschläge aus dem Leben gerissen wurden, Faulheit vorzuwerfen. Meine Einschränkungen sind objektive, medizinische Fakten. Ich habe dem System durch meine frühere Arbeit, die jahrelange Pflege meiner Frau und meinen Überlebenskampf mehr als genug gegeben.
Dass ich heute auf Hilfe angewiesen bin, ist kein moralisches Versagen, sondern genau der Fall, für den der Sozialstaat einst erdacht wurde. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, den Wert eines Menschen ausschließlich über seine Erwerbsarbeit zu definieren. Wer diese Krankheiten und diesen Weg nicht selbst gegangen ist, hat nicht das Recht, über uns zu urteilen.
Gemeinsam aktiv: Wo Betroffene und Unterstützer laut werden können
Dieser Text soll kein bloßer Hilfeschrei sein, sondern ein Aufruf, die Stimme zu erheben – für sich selbst und für alle Mitpatienten, die im Moment nicht die Kraft dazu haben. Die soziale Kälte und das Versagen im Versorgungssystem werden von vielen Organisationen und Verbänden nicht mehr schweigend hingenommen. Wer den Protest unterstützen, sich vernetzen oder selbst politisch aktiv werden möchte, findet hier die wichtigsten Anlaufstellen und Plattformen:
- • Die politische Stimme gegen den Sozialabbau: Die großen Sozialverbände kämpfen an vorderster Front gegen die Verschärfung von Sanktionen und populistische Debatten. Die Arbeit des Sozialverbandes VdK und des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) zeigt, dass wir keine Einzelfälle sind, sondern eine Gemeinschaft, die Rechte einfordert.
- • Lobbyarbeit für die psychische Gesundheit: Um Vorurteile gezielt abzubauen und die Rechte von Patienten im Bundestag zu vertreten, braucht es starke Interessenvertretungen. Die Aktion Psychisch Kranke e.V. (APK) arbeitet als Scharnier zur Politik, während die BAG SELBSTHILFE e.V. als Dachverband chronisch kranken und psychisch beeinträchtigten Menschen eine laute Stimme gibt.
- • Aufklärung und Fachkompetenz zu Borderline: Da die Borderline-Persönlichkeitsstörung in der Öffentlichkeit oft völlig falsch verstanden wird, sind fundierte Informationen und Selbsthilfe entscheidend. Das Borderline-Netzwerk e.V. bietet Vernetzung für Betroffene, und der Dachverband Dialektisch Behaviorale Therapie (DDBT) bündelt das medizinische Fachwissen zur wirksamen Behandlung.
- • Protest organisieren und Petitionen starten: Wenn Sie selbst aktiv werden oder bestehende Kampagnen gegen Kürzungen im Gesundheitssystem unterstützen wollen, bieten Plattformen wie openPetition und Change.org den nötigen Raum. Den offiziellen, staatlichen Weg für eine Beschwerde oder Eingabe an die Politik können Sie direkt über den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gehen.
Wir sind nicht machtlos. Indem wir uns informieren, vernetzen und laut bleiben, entziehen wir der Stigmatisierung den Boden.

