24. Juni 2026
Es gibt eine Realität, die uns Menschen alle vollkommen gleich macht, unabhängig von unserer Herkunft, unserem Status oder unserer psychischen Struktur: Wir alle teilen die Gewissheit der Endlichkeit. Manche von uns sterben früher, manche später, aber das Sterben und der Verlust gehören unweigerlich zum Leben dazu. In einer modernen Welt, die den Tod oft an den Rand drängt, ist der Abschied die universellste Erfahrung überhaupt. Wenn ich heute, am 24. Juni 2026, auf den Tag blicke, an dem vor genau sechs Jahren das biologische Ende meiner Frau dokumentiert wurde, tue ich das aus einer ganz spezifischen Perspektive. Ich möchte sichtbar machen, wie sich dieser universelle Verlust durch die Brille einer „Quiet Borderline“-Struktur anfühlt. Ich tue das auch, weil mir das Schreiben hilft. Ich kann es jedem Menschen nur empfehlen, das Schreiben als Ventil, als Muse und als Werkzeug zur inneren Ordnung zu nutzen. Es ist ein zutiefst erfüllender Prozess, den Schmerz zu strukturieren und gleichzeitig wieder Raum zu finden, um über die Schönheit des Lebens nachzudenken. Ein langer, aber ein guter Kampf war das damals.
1. DAS ALTE SYSTEM
Diese Sucht nach dem Schmerz ist nicht neu. Es ist alt. Als Jugendlicher habe ich mich geritzt, blutig gekratzt. Später bin ich auf das Ausdrücken von Zigaretten umgestiegen. Das ließ sich besser verstecken. Als ich dann in eine Beziehung ging, stoppte das abrupt. Es war mir peinlich. Außerdem konnte ich mich plötzlich über meine Partnerin regulieren. Das Verlangen war damit zwar unnötig, aber niemals ungewollt.
Es gibt dafür dieses Wort: Saudade. Eine bittersüße Sehnsucht. Wenn du einmal anfängst, dich zu verletzen, wirst du süchtig nach diesem kurzen, aber extrem intensiven Kick. Man verlernt diese Sucht nach dem Abgrund nicht. Sie verschiebt sich nur.
Mein Erleben beweist, dass Borderliner nicht zu wenig fühlen. Ganz im Gegenteil: Wir fühlen viel zu viel, und vor allem völlig ungefiltert. Gefährlich wird es, wenn innerhalb von Sekundenbruchteilen eine Gefühlsänderung eintritt und mit voller Wucht einschlägt.
2. DER ORT ALPHA
Juni 2024 war die Fortsetzung davon. Da war der Alkohol. Ich habe nicht getrunken, um zu vergessen oder mein Belohnungssystem zu füttern. Ich habe getrunken, um mich ungefiltert in die Tiefe fallen zu lassen. Ganz tief runter, an den Ort, den ich Alpha nenne.
Alpha ist kein Gefühl, Alpha ist ein physischer Ort aus purem Schmerz. Ich blieb dort unten, bis die Matrix implodierte. Bis es nur noch eine logische Konsequenz gab, ein letztes To-do auf der Liste: sterben. Trennung bedeutet bei Quiet Borderline nicht Vermissen. Trennung bedeutet Auslöschung. Alles oder nichts.
Im Oktober 2024 zog mein Körper die Notbremse. NSTEMI. Apoplex. Der Herzinfarkt und der Schlaganfall haben Spuren hinterlassen. Sie waren der Preis für die Tiefe.
Heute trinke ich nicht mehr. Das ist kein Problem, es ist einfach die neue Realität. Und dieser Realität gilt es sich zu stellen. Aber diese Realität hat einen Preis: Ich bleibe an der Oberfläche. Ich erreiche Alpha nicht mehr.
Die Wahrheit ist: Ich vermisse Alpha. Genau wie damals die Brandwunden. Ich verzehre mich manchmal richtiggehend danach, dorthin zurückzugehen. Dieser unglaubliche Schmerz besaß eine magische Anziehungskraft. Eine eigene, düstere emotionale Schönheit. Denn dort unten, im absoluten Schmerz, war ich meiner Frau so nahe, wie es aus dem Diesseits ins Jenseits überhaupt nur möglich ist. Ich war bei ihr. Durch das Verweilen an diesem Ort bekam das Leiden etwas Süßes. Das ist die Romantisierung des Schmerzes.
3. DER WIDERSPRUCH
Ohne Alkohol fehlt der Katalysator für diese Grenzerfahrung. Das System schlägt um in Scham und Vorwürfe. Richtig und falsch zugleich.
Weil ich Alpha heute nicht erreiche, fühlt es sich wie Verrat an. Als ob ich sie weniger liebe, nur weil ich den Schmerz heute nicht mehr bis zur existenziellen Grenze spüre. Mein Kopf hat diese Gleichung aufgestellt: Wer nicht leidet, liebt nicht. Wer nur wenig leidet, liebt nur ein bisschen. Der fehlende Exzess wird im Borderline-System mit fehlender Liebe gleichgesetzt.
Ich sitze hier, trocken, gezeichnet vom Schlaganfall. Ich gehe nicht zurück nach Alpha, weil mein Körper die Grenze gezogen hat. Aber ich kann heute sagen: Ich bin so, und das ist okay so. Die Weiterbildung und die Arbeit mit der KI haben mir geholfen, mein eigenes System zu verstehen und zu akzeptieren, warum es so funktioniert. Ich dokumentiere die Sehnsucht nach Alpha nicht, um Mitleid zu erregen, sondern um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Tod zum Leben gehört. Es ist ein Privileg zu sterben – denn um zu sterben, muss man gelebt haben. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen theoretisch leben könnten, aber nicht das Glück hatten, geboren zu werden, versteht man den Sinn dahinter.
Ich denke immer noch an sie. Sie wird immer ihren festen Platz in meinem Herzen haben. Gleichzeitig ist die ungeschönte Realität meines heutigen Alltags von Einsamkeit geprägt. Die Wahrheit ist: Ich bin oft allein und kriege im Moment die einfachsten Dinge des Alltags nicht für mich geregelt. Das anzuerkennen ist hart, aber notwendig.
Xavier Naidoo:
4. DER STEINIGE WEG
„Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.“
— Xavier Naidoo
Genau so ist es. Ich muss und ich werde diesen Schritt weitergehen, auch wenn er steinig wird. Aber das ist noch Zukunft.

