Montag, 2. November: Die Lektion des Vertrauensbruchs, das Nervenzentrum und der 8-Meter-Küchen-Schock

Die Lektion des Vertrauensbruchs & der Verrat aus den eigenen Reihen

Ich habe etwas Neues gelernt – etwas, das eigentlich eine absolute Selbstverständlichkeit sein sollte: Ich muss höllisch aufpassen, mit wem ich was auf Station bespreche. In der Sache an sich war das harmlos, in der Wirkung auf mein System allerdings alles andere als ohne Reaktion.

Wie gewohnt stehe ich fast immer zwischen drei und vier Uhr morgens auf. Wiederholungen sind, wie ich weiß, feste Muster – und wenn sich diese gewohnten Muster plötzlich verändern, löst das eine Reaktion aus. Am Sonntag hatte die Nachtwache um 06:00 Uhr kurz einen Blick in mein Zimmer geworfen, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist – das Ganze noch eingepackt in eine ordentliche Portion Humor, was für mich vollkommen in Ordnung war.

Im vertraulichen Gespräch habe ich das einem Pfleger erzählt, der aus demselben Kulturkreis kommt wie ich – zumindest gibt er das so vor. Ich nenne ihn ab jetzt mit Absicht Judas. Er hat es tatsächlich fertiggebracht, diesen fürsorglichen Blick der Nachtwache mit der krankhaften, toxischen Übergriffigkeit von Frau G. zu vergleichen. Das ist nicht nur jenseits von Gut und Böse, das ist pure Realitätsverdrehung. Aber dem Fass den Boden schlägt aus, dass er besagter Nachtwache im Anschluss auch noch sagen muss, er solle nicht mehr in mein Zimmer kommen. Das hat mich getroffen.

Ich sehe es absolut nicht als die Aufgabe von Judas an, der Nachtwache ungefragt Ratschläge über mich oder mein Zimmer zu erteilen. Zur Erinnerung: Als mein Bezugspfleger hat er im Umgang mit den massiven Übergriffen von Frau G. auf ganzer Linie kläglich versagt. Damals musste ich mich trotz mehrfacher Bitten selbst um die Sache kümmern, während von ihm nichts kam. Aber gut – ich habe meine Lektion gelernt.

Um 06:00 Uhr heute früh werde ich dann von genau dieser Nachtwache mit dem Vorfall konfrontiert. Ich versuche, die Situation geradezurücken und zu erklären: Dass das von mir im Ursprung völlig harmlos und humorvoll gemeint war und dass das natürlich absolut nicht das Gleiche ist wie die permanente, zermürbende Übergriffigkeit von Frau G. Ein schöner Start in den Tag. Man lernt eben nie aus – vor allem nicht, wem man auf dieser Station auch nur ein einziges Wort anvertrauen darf.

Körpertherapie: Das Nervenzentrum & der Spiegel der Gruppe

Mit Körpertherapie fängt der Alltag an. Nach dem letzten großen Fiasko gehe ich da zwar eher nicht mehr ganz so entspannt hin, aber da im Vorfeld bereits Gespräche stattgefunden haben, ist klar, dass die Thematik der letzten Stunde dort zumindest aufgegriffen wird – ich bin vorsichtig neugierig.

Wie erfahren die Therapeutin wirklich ist, zeigt sich von der allerersten Minute an. Sie ist extrem empathisch und klärt uns mustergültig über unser Nervenzentrum auf – etwas, das für mich natürlich hochinteressant ist. Sie geht akribisch auf jedes Detail ein, was beweist, was für eine exzellente Beobachterin sie ist und dass sie sich intensiv und mit echter analytischer Zeit auf diese Stunde vorbereitet hat. Sie trägt das Ganze in einem so angenehm ruhigen Ton vor, dass sich spürbar alle im Raum entspannen – bis auf die Frau, die in der Zeit vor 50 Jahren stehen geblieben ist.

Ich frage mich unwillkürlich, wieso sie nicht einfach den Raum verlässt. Ich verstehe ja, dass ihr alles zu viel wird, aber dass sie mit ihrem passiv-aggressiven Ärger die guten Energien im Raum systematisch vergiftet, gefällt mir ganz und gar nicht. Ich beschließe, das bei Gelegenheit anzusprechen. Die Prinzessin ist ebenfalls in ihrer ganz eigenen Bubble gefangen: Ihrer Meinung nach hätte es vollkommen gereicht, dieses ernste Thema nur ganz kurz anzureißen. Dabei vergisst sie nicht nur ihre eigene handfeste Panikattacke, sondern auch die extremen Reaktionen der anderen. Letzten Endes zeigt das nur, dass sie noch einen langen Weg vor sich hat, bis sie wirklich bei ihrer Bestimmung ankommt.

Die Amazone und die Perspektive der Lähmung

Wer es dann einmal mehr schafft, die Sache auf ein echtes intellektuelles Niveau zu heben, ist die Amazone, die mich nachhaltig beeindruckt. Sie schafft es zuverlässig, Dinge hochkonzentriert auf den Punkt zu bringen, und nimmt selbst feinste Schwingungen im Raum präzise wahr. Sie ist mit Sicherheit die Intelligenteste in unserem ganzen Haufen: extrem diszipliniert, innerlich stark und mit einem gesunden Selbstbewusstsein gesegnet.

Es ist faszinierend und lehrreich zugleich, ihre Sicht aus der Perspektive einer Person zu hören, die zum Zeitpunkt des Fiaskos körperlich gelähmt, aber kognitiv zu 100 Prozent anwesend war und uns alle in Ruhe dabei beobachten konnte, wie wir in unseren erlernten Mustern reagiert haben. Sie hat uns diese Dynamik aus ihrer damaligen Innensicht geschildert – was allerdings leider nicht für jeden im Raum gleich spannend war. Fiona hat sich zwar einigermaßen benommen, war aber geistig nach ihrem jüngsten Nervenzusammenbruch noch nicht wieder voll auf der Höhe; man sah ihr jedoch an, dass sie sich in unserer Anwesenheit sicherer fühlte als an anderen Orten.

Wohnungsübergabe & das 8-Meter-Küchendilemma

Die Stunde ging zu Ende – und ich bereitete mich mental auf den nächsten, ganz realen Meilenstein vor: die anstehende Schlüsselübergabe für meine neue Wohnung. Die Wohnungsübergabe war Standard; ich habe das in dieser Art schon viele Male gemacht und bis auf Kleinigkeiten war wirklich alles in Ordnung.

Was mir allerdings wirklich zu schaffen machte, war die Küche. Meine Küche ist derzeit 8 Meter lang und mit allerlei nützlichem und weniger nützlichem Zeug vollgestopft. Meine Frau hat dafür gesorgt, dass es uns diesbezüglich an nichts mangelt. Nun muss ich diese Küche auf 2,50 Meter verkleinern. Ich frage mich, wie das gehen soll. Zurück auf Station möchte ich Pläne entwerfen, wie ich das bewerkstelligen könnte, resigniere aber schnell.

Zwischen Nähe, Distanz und Abschiedsschmerz

Beim Rauchen mit Fiona spüre ich wieder diese tiefe Verbundenheit, die ich einfach akzeptiere und mittlerweile auch anfange zu genießen. Trotz meiner Vorsicht mit Nähe und Distanz fürchte ich, dass mir der Abschied von ihr schwerfallen wird.

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