04:00 Uhr: Die Stille des Feiertags und das ferne Grab
Der Wecker zeigt 04:00 Uhr an. Es ist Allerheiligen – ein Tag, an dem man der Heiligen und vor allem unserer Verstorbenen gedenkt. Ich wache auf und spüre eine tiefe Traurigkeit in mir: Ich bin hier, in der Klinik, und kann heute nicht in Polen sein, um auf den Friedhof zu gehen und am Grab innezuhalten.
Ich bleibe im Bett liegen, weil ich nicht will, dass mich der Pfleger in diesem Zustand sieht. Um 06:00 Uhr schaut er dann doch nach mir, weil er sich Sorgen macht – die menschliche Fürsorge in diesem Moment ist fast ein bisschen zu viel.
Unheilig und die verlorene Intensität
Ich höre „Ich würd’ dich gern besuchen“ von Unheilig und möchte am liebsten verzweifeln, weil ich die schmerzhafte Intensität der Gefühle, die ich mit diesem Lied und dieser Zeit verbinde, einfach nicht mehr in ihrer vollen Wucht abrufen kann. Das jemandem zu erklären – selbst der Oberärztin –, ist fast unmöglich, da sie die Situation meist nur in der Theorie nachempfinden kann.
Der verfehlte Schmerz und das kalte Licht
Ich beschließe, dem Klinik-Mikrokosmos zu entkommen, rauszugehen und etwas Sinnvolles zu tun. Also fahre ich nach Hause, räume auf und fange an zu putzen. Währenddessen lasse ich die traurigsten Lieder laufen, die ich kenne, und warte auf den wunderschönen Schmerz, etwas, das mich innerlich zerreißt – aber es geht nicht. Wut würde sofort und ohne Zögern funktionieren.
Ein bisschen verzweifelt gehe ich schließlich auf den Friedhof, der bei mir um die Ecke ist. So richtig aufbauen kann mich das aber auch nicht: Der Friedhof ist fast komplett leer, und das, obwohl es der größte der Stadt sein soll.
In Osteuropa ist Allerheiligen etwas ganz Besonderes: Dort ist der Friedhof bis nachts voll mit Menschen. Alles ist hell erleuchtet von Tausenden Kerzen. Es ist ein wunderschönes Gefühl, denn in diesem Augenblick verbindet alle das Gleiche – kein Streit, kein Ärger, keine schlechte Laune, weil es in diesem Moment nicht um uns geht, sondern einzig um unsere von uns gegangenen. Davon ist hier in der sterilen Kälte leider wenig zu spüren.


