Donnerstag, 29. Oktober: Kaffeekrise, verweigerte Rezepte und die Kunst der emotionalen Abgrenzung

Morgenstille ohne Warnsignale & die Kaffeekrise

Da „Messermann“ mir gestern Abend noch den letzten Nerv geraubt hat, bin ich nach Einnahme meiner „Scheißegal“-Tablette ziemlich früh eingeschlafen und war dann natürlich dementsprechend zeitig wach. Da Frau G. die nächsten Wochen im Urlaub ist, kann ich ohne Warnsignale meines Nervensystems in die Küche gehen und mir Kaffee holen. Die Pflegerin „von weitweitweg“ scheint heute allerdings nicht ganz in Form zu sein, denn der Kaffeeautomat muss erst noch aufheizen – was wiederum bedeutet, dass sie in letzter Zeit wohl keinen Kaffee konsumieren konnte. Eine Nachtschicht komplett ohne Koffein ist für mich jedenfalls nur schwer vorstellbar. Immerhin ist auf ihre gewohnte Laune Verlass, und so vergeht die Zeit bis zum Schichtwechsel wie im Fluge.

Spiegelungsfallen beim Frühstück & zerstörte Harmonie

Beim Frühstück fällt mir dann allerdings ein altbekanntes, ungesundes Muster auf: Es belastet mich extrem, wenn andere Mitpatienten ihre schlechte Laune offen zur Schau tragen und meine gute Laune nicht teilen. Ich muss endlich lernen, mich in solchen Momenten sauber emotional abzugrenzen.

In der Musiktherapie versuche ich, harmonische Töne zu hören, und wähle bewusst genau jene drei Musikinstrumente aus, die in mir eine positive Emotion ausgelöst haben. Fiona und eine Mitpatientin, die mal wieder absolut keinen Bock auf irgendetwas hat, erklären mir daraufhin lautstark, dass das vergebene Liebesmüh sei und es schlicht unmöglich wäre, die exakte Stimmung von damals zu wiederholen. Diese Haltung geht gegen alles, woran ich glaube, und augenblicklich fange ich an, Druck in der Brust zu spüren. Warum muss man Hoffnung so mutwillig zerstören? Ich will es doch einfach nur versuchen – vielleicht entsteht dabei ja etwas Neues, das ebenfalls schön ist. Ich kann diese Zerstörungslust nicht begreifen.

Gruppentherapie: Die Vertretung rockt die Stunde

Die anschließende Gruppentherapie ist dafür umso erfolgreicher. Die Vertretung der Oberärztin rockt die Stunde, und bis auf „die Frau, die in der Zeit vor fünfzig Jahren stehen geblieben ist“ sind alle absolut begeistert. Messermann, der auf eine ziemlich üble Art und Weise erfahren musste, dass nicht jeder im Raum seine skurrile Definition von Maskulinität teilt, versucht sich erkennbar davon zu erholen und wechselt im Minutentakt zwischen blass und rot. Ich frage mich im Stillen, wofür das alles eigentlich gut sein soll, halte mich aber konsequent zurück.

Die Reißleine vor der Hochspannung & die Rezept-Absage

Es schaltet langsam auf Alarm – ich merke, wie die innere Spannung bedrohlich steigt. Also ziehe ich rechtzeitig die Reißleine und trenne mich von der Gruppe, bevor ich in die absolute Hochspannung kippe; das möchte ich heute um jeden Preis vermeiden.

Kurz darauf sucht mich eine Vertretungsärztin auf und eröffnet mir, dass meine Versuche, den Diabetes künstlich zu provozieren, zwar erfolgreich waren, sie aber trotz früherer Absprachen nicht bereit ist, mir das Rezept für die ersehnte Abnehmspritze auszustellen, für die ich ansonsten 180 Euro im Monat hätte blechen müssen. Das trägt natürlich maßgeblich dazu bei, meine ohnehin strapazierte Laune restlich in den Keller zu ziehen. Völlig angespannt ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und bin im Grunde nur dankbar, dass die Gruppe mir den nötigen Freiraum lässt.

Die Mechanik der emotionalen Ansteckung

Um die körperliche Anspannung abzubauen, versuche ich, den Kopf rational zu beschäftigen. Das gelingt anfangs mehr schlecht als recht, fängt dann aber beim Thema emotionale Ansteckung Feuer. In der Theorie ist der Mechanismus relativ simpel: Betrete ich einen Raum und nehme dort Dissonanzen wahr, schalte ich sofort in den Alarmmodus. Entweder versuche ich, die Situation zu regeln, oder – falls das nicht klappt – ich übernehme ungefiltert die negativen Emotionen der anderen, was extrem belastend ist.

Anstatt innezuhalten und zu differenzieren: „Das ist der Frust von Frau X“ und „Das ist mein eigener Zustand“, übernehme ich ungefragt die Schwingungsfrequenz des Raumes, weil die evolutionsbiologische Anpassung an die Gruppenstimmung einst das Überleben sicherte. Soweit die saubere Theorie – die entscheidende Frage lautet nun: Wie trainiere ich konkret, den Müll der anderen nicht mehr an mich heranzulassen? Ich beschließe, diesen Punkt beim nächsten Einzelgespräch auf den Tisch zu bringen, und schließe die Augen.

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