Dienstag, 20. Oktober: Zeichen der Nacht, Sweet Dreams und die geplatzte Ader in der Speiseröhre

Nachtwache, emotionale Taubheit & Sweet Dreams

Es gibt diese Nächte, in denen man einfach keinen tiefen Schlaf findet und permanent aufwacht. Ich halte Ausschau nach Zeichen, aber sie bleiben aus – es geht also heute Nacht nicht um meine Frau. Eine Alternative im Kopf wäre meine Mutter, von der ich nach wie vor überzeugt bin, dass sie eine Hexe ist. Sie ist nun 93 Jahre alt, und es ist auffallend still um sie geworden. Ob mit ihr etwas ist? Vielleicht ist das ohnehin nicht die richtige Uhrzeit, um solche Themen anzugehen oder sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was alles sein könnte.

Mir fällt auf, dass ich mein wöchentliches Gespräch mit meinem Bezugspfleger verschlafen habe. Ich mache mich auf die Suche nach ihm, finde ihn aber nicht – vielleicht schläft er selbst noch. Gefühlscheck: Musik, die mich früher mal tief berührt hat, soll eine Emotion auslösen, die erwartungsgemäß völlig ausbleibt. Kurzes Fazit: Alles scheiße, deine Emma. Emma auch scheiße.

Das musikalische Pendant dazu mit Marilyn Manson und Sweet Dreams funktioniert dagegen ohne Probleme. Wut und Hass fließen ab. Wer möchte und verstehen kann, worum es geht: Marilyn Manson – Sweet Dreams (Live in L.A. 2009).

Some of them want to use you

Some of them want to get used by you

Some of them want to abuse you

Some of them want to be abused

Ist das wirklich die richtige Uhrzeit für solche Analysen? Lieber versuche ich, das Thema Dissoziation im Zusammenhang mit meinen Emotionen zu durchleuchten, um auf das kommende Gespräch mit der Oberärztin gewappnet zu sein. Um eine Antwort zu finden, muss ich erst einmal verstehen, was eigentlich die Kernfrage hinter ihrer ständigen Nachbohrerei ist. Das erscheint mir zu dieser Stunde dann aber doch etwas zu hart, und ich beschließe, meinen echten Emotionen noch eine Chance zu geben.

Gruppentherapie: Die geplatzte Halsschlagader & Loyalität bis zum Schluss

Da unter uns zwei Stockwerke mit Palliativpatienten liegen und vor Kurzem etwas passiert ist, das so in dieser Form bisher noch nicht vorgekommen ist, machen wir das zum zentralen Thema. Bei besagtem Palliativpatienten ist eine Ader in der Speiseröhre geplatzt – eine ziemlich blutige Angelegenheit, die der Patient nicht überlebt hat. Einige Mitpatienten haben das am Rande mitbekommen, daher die Dringlichkeit der Thematik.

Es wird schnell sehr persönlich, und in der Runde prallen völlig unterschiedliche Auffassungen aufeinander, wie man damit umgehen soll, wenn der Partner sterbenskrank ist. Ich weiß, dass ich immer berücksichtigen muss, dass ich Borderline habe und deshalb vielleicht eine besonders kompromisslose Meinung zu dem Thema besitze: Aber mir käme es niemals auch nur im Traum in den Sinn, meine Partnerin ihrem Schicksal zu überlassen und wegzulaufen. Natürlich soll sie auf gar keinen Fall leiden müssen. Die terminale Entscheidung zu akzeptieren und sie einfach gehen zu lassen, löst allerdings heute noch tiefes Unbehagen aus – und das, obwohl ich eigentlich dachte, ich wäre zumindest über diesen Punkt längst hinweg.

Meine Mitpatienten kommen mir in diesem Moment vor wie gefühllose Monster; zweifelsohne geschuldet der extremen Intensität meiner Borderline-Struktur. Ich möchte einfach nur noch raus hier. Immerhin folgt nach dem Mittagessen die Einzeltherapie – dazu kann ich mich im Nachhinein nur selbst beglückwünschen. Die Themen sind wie immer sehr intensiv und bestimmt nicht jedermanns Sache.

Die Romantisierung des Sterbens und die Sehnsucht nach Gevatter Tod, geschickt vorgetragen, lösten keine Sicherheitsprotokolle aus, etwas, wovor ich ein bisschen Bammel hatte.

Natürlich bekam ich wieder genug Stoff mit, um mir wieder einige Tage das Gehirn zermartern zu können.

Organisatorische Lichtblicke & die obligatorische Maßregelung

Positiver Nebeneffekt der Ruhe: Zwei Umzugsfirmen haben sich gemeldet und für morgen Termine ausgemacht. Eine hervorragende Gelegenheit, um bei der Gelegenheit gleich eine warme Jacke einzupacken.

Der krönende Abschluss des Tages ist natürlich die Abendrunde mit Frau G. Sie muss mir unbedingt noch ein Gespräch aufdrücken – was verspricht sie sich eigentlich davon? Welches Gefühl soll das in ihr triggern, was empfindet sie dabei? Ich beschließe ausnahmsweise, mich zu benehmen, mache artig mit und werde natürlich sofort wieder gemaßregelt: „Können Sie bitte Ihr Handy weglegen?“

Ich glaube, was mir jetzt wirklich fehlt, ist ein riesiges Schnitzel. Ich werde Bozka sagen, sie soll mir am Samstag am besten gleich 20 Stück mitbringen. Das wird meine Laune garantiert wieder auf ein erträgliches Level heben – und für meinen zweiten Glukosetest ist das im Zweifelsfall bestimmt auch äußerst hilfreich.

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