Die Maske der Kompetenz
Es gibt ein Paradoxon in meinem Leben, das Ärzte und Behörden regelmäßig in die Irre führt: Je schlechter es mir geht, desto besser funktioniere ich. Wenn das emotionale System zusammenbricht, übernimmt der Verstand die totale Kontrolle. Ich nenne das den „Controller-Modus“.
Während ich körperlich am Ende bin – kurz vor dem Herzinfarkt, mit Thrombosen im Bein, kaum fähig zu laufen – sitze ich am Schreibtisch und verfasse juristisch einwandfreie Widersprüche an das Jobcenter oder die DHBW. Ich organisiere Umzüge, kläre Finanzen, manage das Chaos anderer Leute. In den Chats mit Nora sieht man das deutlich: Sie produziert Drama, ich produziere Lösungen. Sie schreit „Hilfe“, ich überweise Geld oder schreibe E-Mails an ihre Hochschule.
Ich wurde zum Mülleimer für die Emotionen anderer. Um mich in dieser Leere noch zu spüren, brauchte ich den Schmerz oder den Rausch als Brechstange.“
In Beziehungen wie mit Nora rutsche ich in die Rolle des „Containers“. Weil ich meine eigenen Grenzen nicht spüre, nehme ich die ungefilterten Affekte, die Wut und das Chaos der anderen in mir auf. Ich reguliere sie, während ich selbst emotional verhungere. Wenn der Druck in diesem Container unerträglich wird und die Glaswand mich erstickt, bleibt nur noch der Ausbruch zu „Ort Alpha“. Ich habe Alkohol oder Risiken nicht gesucht, um zu vergessen, sondern um zu fühlen. Es war der Versuch, mit einem chemischen Brecheisen die Betäubung zu durchschlagen. Es ist eine funktionale Sucht: Ich habe mich vergiftet, um mir zu beweisen, dass ich noch existiere. Es war der verzweifelte Versuch einer Selbstregulation mit tödlichen Mitteln.
Ich mache das nicht aus Nächstenliebe. Ich mache es aus purer Angst. Mein System hat gelernt: Ich habe nur eine Daseinsberechtigung, wenn ich nützlich bin. Wenn ich funktioniere, bin ich sicher. Diese Kompetenz ist meine Maske. Sie ist so perfekt, dass sie zur Falle wird. Niemand hilft mir, weil ich nicht hilfsbedürftig wirke.
Ärzte sehen mich an, hören meine eloquenten Sätze und denken, der Mann hat kein Problem. Sie sehen die Fassade, nicht das brennende Haus dahinter. Ich funktioniere mich buchstäblich zu Tode. Die Hochfunktionalität ist kein Talent, sie ist ein Symptom. Sie ist der Versuch, den inneren Kollaps durch äußere Ordnung zu kompensieren.

