Kunsttherapie: Die Grenze des Schmerzes
Wie kann man Emotionen sichtbar machen? Diese Frage stelle ich mir. Ich vermute, dass ich durch Schlafmangel mehr Zugang zu meinen Gefühlen habe als sonst, und versuche nun, noch tiefer in diesen Zustand einzudringen. Im normalen, funktionellen Alltag bleibt dieser Bereich verschlossen. Wenn er sich aber öffnet, zeigt sich eine Traurigkeit, die sich fast süß, intensiv und wunderschön anfühlt – ein Schmerz, den man fast herbeisehnt, weil er im Gegensatz zur emotionalen Taubheit Echtheit signalisiert.
Das weckt unmittelbar die Sehnsucht danach, mich ganz in diese Tiefe fallen zu lassen und diesen intensiven Schmerz zuzulassen, statt ihn mit Logik oder Kontrolle abzuwehren. Es ist der Versuch, über Worte greifbar zu machen, was sonst stumm bleibt. Zuerst unterstützt meine Kunsttherapeutin mich in dem Unterfangen, tiefer in meine Gefühlswelt einzutauchen; als sie jedoch versteht, warum ich das möchte, bittet sie mich, das Ganze abzubrechen und lieber an meinem Bild weiterzuzeichnen.
Der Blick in den Spiegel der Dissoziation
Kurz vor Ende besprechen wir unsere Arbeiten, als die Amazone plötzlich darum bittet, gehen zu dürfen, weil sie merkt, dass eine beginnende dissoziative Phase einsetzen könnte, bei der ihr Körper gelähmt wird. Das von ihr gezeichnete Bild ist so faszinierend wie sie selbst: Es ist der Kopf einer Frau. Es ist weniger das Bild selbst, was mich in seinen Bann zieht, sondern es sind die Augen. So sehe ich aus, wenn ich dissoziiert bin – der leere Blick, eine Augenbraue hochgezogen, während andere darin Wut sehen.
Nachdem das Wort fällt, wird sie dann wohl auch wütend, vielleicht durch eine Projektion, beherrscht sich aber. Ich bitte die Therapeutin, sie gehen zu lassen, und als sie im Begriff ist zu gehen, haut sie noch einen raus: Sie hat ihr Innerstes erkundet, sich tief mit den Themen auseinandergesetzt, die dort versteckt sind und über die man nur sehr ungern mit anderen spricht, und deutlich gemacht, dass sie sich das auch für uns gewünscht hätte.
Dann war sie weg, aber diesen Satz habe ich mir eingeprägt. Die Gruppe, die nicht richtig verstand, warum sie so wütend geworden ist, redete durcheinander, und jeder brachte eine andere Befindlichkeit ein, die sich unwohl anfühlte. In mir kam sofort Wut und Enttäuschung hoch. Ich sagte, dass es sich bei der Amazone um eine liebenswerte Frau handelt und dass ich mir wünschte, man könnte darüber hinwegsehen. Jeder, einschließlich meiner Person, hatte schon schlechte Tage; niemand war je böse – warum also jetzt? Ich beschloss, das bei Gelegenheit zu thematisieren. In guten wie in schlechten Zeiten.
Die CPAP-Maske und die Klärung mit Fiona
Da meine Maske undicht abschloss und mir die Luft ins Auge blies, rief ich in einer Filiale des Herstellers an und bekam um 16:00 Uhr einen Termin. Die für mich zuständige Frau ist etwas Besonderes, und uns verbindet eine ungewöhnliche Bande. Sie gibt mir ohne zu zögern eine neue CPAP-Maske mit und verabschiedet mich mit einer ihr eigenen Herzlichkeit.
Zurück in der Klinik treffe ich Fiona, die mich mit ihren wunderschönen Augen informiert, dass sie Gesprächsbedarf hat. „Du hast was verpasst“, beginnt sie und erzählt, dass die Amazone bei der Gruppenaktivität dabei war und mit ihrem Handy gespielt hat – was so in der Form natürlich nicht stimmen konnte, aber sie hat es eben so empfunden. Außerdem sei sie mit einer solchen Wut aus der Gruppe gegangen, dass sich alle schlecht gefühlt hätten. Fionas Muster sind für mich eindeutig: Der Rahmen, der für sie gesteckt wird, muss für alle gelten. Beachtet ein Pfleger die eigenen Regeln nicht, ist er bei ihr unten durch. Für sie ist das wichtig, weil es ihr Halt und Stabilität gibt.
Ich erklärte ihr, dass ich nicht weiß, was die Amazone mit ihrem Handy getan hat, aber ich weiß, dass es ihr ganz schlecht gehen muss. Sie bräuchte jetzt ihre Familie, allen voran natürlich ihren Mann an ihrer Seite. Hier muss sie nicht nur alleine mit ihren dissoziativen Anfällen klarkommen, sondern sie muss auch, weil es in ihrem Fall Neuland ist, gegen Unverständnis und Angst kämpfen. Es ist nicht nur frustrierend, stundenlange Anfälle zu bekommen, die in einer körperlichen Extremspannung münden, sondern wir alle tragen solche Lasten. Ich bitte sie einfach zu verstehen, dass diese extreme Art von Dissoziation mit einer enormen Anspannung einhergeht, was psychisch und physisch anstrengend und frustrierend ist – und dass wir auch emotionale Ausbrüche haben, bei denen niemand etwas sagt, also warum ausgerechnet hier?
Fiona zeigt ihre Qualitäten als Frau und ändert nach reiflicher Überlegung ihre Meinung – mein Herz füllt sich jedes Mal mit Freude, wenn ich das sehe. Nicht jeder ist in der Lage, eine einmal gefasste Meinung zu korrigieren; sie schon.
Der Spaziergang und die Begegnung der inneren Kinder
Beim Abendessen fällt dann die Anspannung komplett ab, wir lachen alle herzlich über ein paar Witze und albern herum. Ich möchte herausfinden, wie es der Amazone wirklich geht, denn trotz ihres Lachens merkt man ihr an, dass es ihr überhaupt nicht gut geht. Alles, was diese Frau in diesem Moment möchte, ist schlichtes Verständnis für ihre Situation. Ich fragte sie, ob wir einen Spaziergang machen wollen, was sie dankbar annahm.
Wir hatten eines dieser Gespräche, über die man noch sehr lange nachdenken möchte, um jede Facette des Gesagten zu verinnerlichen. Sie ist nicht nur eine gute Zuhörerin, sondern auch eine gute Analytikerin. Da ich genau weiß, dass sie jedes Wort von mir auf Fehler scannen wird, überlege ich, bevor ich meinen Mund aufmache. Schade, dass ich Gespräche in dieser Art und auf diesem hohen Niveau nicht oft führen kann. Ich lernte ihr inneres Kind kennen und war froh, ihr auch meines zeigen zu können. Wir haben uns beide nicht zurückgehalten und waren, als wir zurückgingen, beide erleichtert und um einige Erfahrungen reicher.
Zurück auf der Station, bemerkte ich die Frau von WeitWeitweg und mir fiel ein Stein vom Herzen. Sie hat einen sehr stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, also klagte ich ihr mein Leid mit Judas und war sicher, dass sie ein Gespräch mit ihm führen werde. Es ist wichtig dass es solche Menschen mit diesen Energien auf der Erde gibt, sonst würde man verzweifeln.
Ich alberte noch ein bisschen mit der Puzzlespielerin und der Prinzessin herum und ging schließlich schlafen.

