Morgenrunde & der plötzliche Absturz in die Dissoziation
Nach einer ruhigen Nacht und einer positiven Morgenrunde geht es heute zur Körpertherapie. So richtig viel kann ich mit diesem Format zwar nach wie vor nicht anfangen, aber heute gibt es stattdessen Action pur. Während einer Achtsamkeitsübung sackt „die Amazone“ plötzlich in sich zusammen. Sie leidet unter einer extremen Form der Dissoziation, die durchaus mal eine Stunde andauern kann. In dieser Zeit ist sie komplett gelähmt, und es kann sogar zu Atemaussetzern kommen – ein schweres Erbe aus der Vergangenheit, dem sie sich jetzt stellen muss; oder vielmehr stellen muss, weil ihr eigenes Nervensystem ihr schlicht keinen anderen Ausweg mehr lässt.
Ich versuche noch, ihr zuzuflüstern, sie solle rausgehen, aber da ist es leider schon zu spät. So bezahlen wir am Ende alle für die Sünden der Vergangenheit. Es wäre einfacher, es wären wenigstens meine eigenen Sünden.
Igelball-Aktionismus & die Flucht aus dem Raum
Die Therapeutin, die heute zum ersten Mal Kontakt mit der Amazone hat, hält sich offenbar für extrem cool, indem sie null Emotionen zeigt und ernsthaft versucht, eine Frau im dissoziierten Zustand mit einem Igelball in die Realität zurückzuschocken. Was die übrigen Teilnehmer im Raum denken oder empfinden, scheint dieser Frau komplett egal zu sein. Kein Wunder also, dass „die Frau, die immer lacht“ den Raum verlassen muss, weil sie kurz vor einer Panikattacke steht, während sich auch Fiona sichtlich unwohl fühlt und rauswill.
Ich gehe ebenfalls raus, beruhige erst „die Frau, die immer lacht“ und hole dann eine Pflegerin mit Herz von unserer eigenen Station. Die erschrickt zwar im ersten Moment, weil ich ihren Namen etwas lauter rufe, aber sie reagiert sofort, eilt herbei und kümmert sich rührend um die Amazone. Danach beruhige ich noch Fiona, die dringend eine Rauchpause braucht, um sich wieder zu regulieren.
Bällewerfen statt Krisenintervention: Fionas Aufstand
Nach meinem Empfinden ist die Situation hier komplett aus dem Ruder gelaufen. Anstatt das Ganze anzusprechen und den Teilnehmern die Möglichkeit zu geben, das Erlebte zu verarbeiten, beschließt die Therapeutin allen Ernstes, uns stattdessen Bälle zuzuwerfen. Wieder ist es Fiona, die den Aufstand probt und mit einer wohlportionierten Portion gesunder Aggression dieser Farce ein Ende bereitet. Sie spricht die Inkompetenz dieser Therapeutin glasklar an und besteht darauf, dass die Situation jetzt sofort besprochen wird.
Wir sollten uns hier schließlich in einem geschützten Rahmen befinden; wenn dieser Raum nicht mehr sicher ist, muss man das thematisieren, um den Beteiligten die Angst zu nehmen. Endlich hat das Martyrium ein Ende, und die Leute fangen an, über das Geschehene zu sprechen – das mache ich schließlich auch.
Leuchtende Augen in der Küche & Ruhetag im Café
Später in der Küche begegne ich der Amazone wieder und bin einfach nur froh, dass es ihr augenscheinlich besser geht; sie hat sogar wieder ein bisschen Appetit. Nach der Abendrunde umarmt sie sich mit Fiona – ein wunderschöner Anblick, vor allem weil ich weiß, wie sehr sich Fiona nach Nähe, Wärme und Geborgenheit sehnt, auch wenn ihr das ihr vermeidender Bindungsstil normalerweise unmöglich macht. Ihre Augen leuchten dabei, und man sieht ihr an, dass sie diesen Moment am liebsten noch viel länger genossen hätte. Ich hoffe für sie inständig, dass es eine Wiederholung gibt. Mir blutet das Herz, wenn ich sehe, was Eltern ihren Kindern eigentlich antun können.
Alle sind von diesem Vorfall restlos erschöpft und gehen schlafen. Ich bin mal gespannt, ob ich heute Nacht wieder allein durch die Flure streife. Messermann hatte übrigens noch die grandiose Idee, einen Kaffee trinken zu gehen – dass das Café montags Ruhetag hat, war ja fast klar. Immerhin war es ein kleiner, netter Spaziergang.

