Nachtgedanken, Restspannung & das drohende Armageddon
Der Wecker zeigt 03:00 Uhr an. Ich überlege, ob es eine gute Idee ist, mich morgen befreien zu lassen und meinen Ausgang bis 22:00 Uhr zu nehmen. Immerhin soll morgen quasi Armageddon sein, was bedeutet, dass die üblichen Verdächtigen in unsere Stadt einfallen, um zu randalieren und zu zerstören. Andererseits plündern sie dabei auch die Läden – zumindest ist das in Frankreich, Spanien und Italien so üblich. Vielleicht eine verlockende Möglichkeit, an günstigere Schuhe zu kommen?
Ich verspüre im Körper immer noch eine Restspannung und beschließe, mich heute lieber ein bisschen zurückzuhalten.
Fremde Bürden: Der Schatten einer Mutter & die Stärke des Vaters
Fiona geht mir durch den Kopf: Sie ist gestern mit dem Angehörigen einer sterbenskranken Frau spazieren gegangen, um ihm ein bisschen Kraft zu geben, damit er das Unvermeidbare ertragen kann, das zweifelsohne in den nächsten Tagen auf ihn zukommt. Die betroffene Frau ist seine Mutter und leidet an Magenkrebs – einer der aggressivsten Krebsformen überhaupt. Man sieht ihr deutlich an, dass sie nicht mehr viel hier hält. Einst war sie mit Sicherheit eine wunderschöne Frau, jetzt ist von ihr nur noch ein Schatten geblieben.
Ich bewundere ihren Ehemann für seine eiserne Stärke. Es muss unerträglich sein, den eigenen Schmerz permanent herunterzuschlucken, um die Frau und die Kinder nicht zusätzlich zu belasten. So hart und nüchtern sich das im ersten Moment auch anhören mag: Ihr Tod wird am Ende für alle Beteiligten eine Erlösung sein. Für sie selbst, weil ihr qualvolles Leiden ein Ende hat; für die Familie, weil das zermürbende Anblicken des Dahinsiechens vorüber ist und endlich die eigentliche Trauerarbeit beginnen kann. Offensichtlich sind sie zu dritt – sie werden sich gegenseitig stützen.
Notwendige Grenzziehung & institutioneller Schutz
Ich nehme mir vor, mit Fiona ein ernstes Wörtchen zu reden. Sie hat wahrlich genug eigene Baustellen, und harte Palliativbegleitung gehört schlicht und ergreifend nicht zum therapeutischen Programm. Sie soll sich in den kommenden Tagen besser heraushalten, bis das Zimmer nach dem Abschied wieder neu belegt wird.
Die Sache werde ich in der nächsten Orgarunde auf den Tisch bringen – vielleicht gibt es ja einen gangbaren Weg, wie wir als Gruppe nicht ganz so ungefiltert mit den Härtefällen der Palliativstation konfrontiert werden.
Frühkonzert, Messermann-Dezibel & die neue Prinzessin
Es ist 04:30 Uhr, „Messermann“ grölt aus seinem Zimmer: „Sweet Caroline“. Muss wohl am Song liegen, denn bei „Über den Wolken“ hatte er ja konsequent die Mitarbeit verweigert. Das Frühstück könnte wirklich ein guter Start in den Tag sein, wenn Herr Messermann nicht permanent in einer Lautstärke reden würde, die um diese Uhrzeit fast schon körperlich weh tut.
Immerhin scheint „die eine, die immer lacht“ auf den Geschmack gekommen zu sein: Sie möchte ab sofort mit „Prinzessin“ angesprochen werden – ab jetzt tue ich ihr diesen Gefallen.
Grenzüberschreitungen im Stuhlkreis & die Vierer-Visite
In der Morgenrunde tritt Messermann dann ins nächste Fettnäpfchen: Er setzt sich ungefragt in die Kommunikation zwischen Patientin und Pflegekraft ein – eine Grenzüberschreitung, die die Gruppe schlicht nicht mehr mitmachen will. Es werden lautstark Stimmen laut, die von ihm ein Umdenken fordern; es ist unübersehbar, dass er sich jetzt zu benehmen hat, sonst droht Ärger. Auch in der Imagination scheitert er an der einfachsten Aufgabe: Statt über sich selbst zu sprechen, maßt er sich an, die Leiterin zu bewerten. So macht das Ganze schlicht keinen Spaß mehr.
Bei der anschließenden Visite betreten gleich vier Personen mein Zimmer, was mich sofort in den klassischen Trotzmodus verfallen lässt. Der anwesende Chefarzt ist dabei absolut nicht mein Fall – und das, obwohl er mir noch kein schlechtes Wort gesagt hat. Er trägt einfach eine unruhige Energie in sich, auf die mein System sofort mit massiver Ablehnung reagiert.
Beim Mittagessen bedrohen sich Fiona und Messerman gegenseitig mit Schlägen, was eine neue Eskalationsstufe in Gang setzen könnte. Ich interveniere und beschließe Messerman mal ins Gespräch zu nehmen.
Ich hoffe wirklich, dieser Tag ist bald zu Ende; für ein einziges Mal war das definitiv genug Input. Ich brauche dringend ein positives Erlebnis – auch wenn das in diesem Kosmos wohl aktuell nur von außerhalb kommen kann.

