Musiktherapie: Vom Evergreen zum gemeinsamen Klang
Nach der Morgenroutine steht Musiktherapie auf dem Plan – mittlerweile macht mir das sogar echten Spaß. Natürlich hege ich insgeheim die Hoffnung, den ergreifenden Moment vom letzten Mal zu wiederholen, was allerdings so gar nicht im Sinne der Therapeutin zu sein scheint. Immerhin gibt es einen Evergreen, den wir gemeinsam mitsingen.
Gruppentherapie: Die Inszenierung des Betriebsrates
Für die Gruppentherapie hat sich Messermann in Absprache mit „der Frau, die immer lacht“ ein Thema ausgedacht: wenig spektakulär, aber vor allem eines – es lässt ihn verdammt gut aussehen. Mir stellt sich kurz die Frage, warum er diese Entscheidung nicht allein treffen konnte, aber andererseits fällt mir ein, dass ich manche Dinge ja auch lieber erst mal im Kreis diskutiere. Das Thema: Verantwortungsübernahme für andere Personen, Aufopferung und Problemlösung. Die Materie, die hier 55 Minuten lang breitgetreten wurde, hätte ich wahrscheinlich in drei Minuten erklären können – vielleicht mit ein bisschen weniger Selbstdarstellung, aber gut.
Ein Mann, der vom Kaufmann zum Betriebsrat wird und dadurch plötzlich einen Lebenssinn erhält – samt begrenzter Macht, die er sogar Vorgesetzten gegenüber ausspielen durfte –, wird nach 26 Jahren gefeuert und weiß jetzt schlicht nichts mehr mit sich anzufangen. Vielleicht war genau diese ausagierte, begrenzte Macht auch der Grund, warum sie ihn vor die Tür gesetzt haben. Bis hierhin gehe ich durchaus d’accord, da ich ähnliche Dynamiken aus dem eigenen Erleben kenne; seinen gespielten Altruismus nehme ich ihm allerdings nicht ab, auch wenn es rein theoretisch natürlich so gewesen sein könnte.
Abwehr, Kritikempfindlichkeit & fehlende Tiefe
Seitdem er „der Frau, die immer lacht“ sexuelle Avancen gemacht hat, bin ich auf ihn ohnehin nicht gut zu sprechen – was angesichts meiner eigenen Vorgeschichte kaum weiter verwundert. Interessant ist vor allem, dass er in der Runde nahezu nichts Persönliches von sich preisgibt. Das hebt ihn von allen anderen vertretenen Störungsbildern ab und wird zweifelsohne dazu führen, dass seine Therapie hier nicht auf drei Monate verlängert wird. Sehr aufschlussreich war auch seine Körpersprache: Sie signalisierte unmissverständlich, dass er es verdammt übel nahm, wenn Kritik an seiner Person geäußert wurde.
Die Amazone springt ein & das Paradoxon der Ruhe
Nach dem Mittagessen ging es weiter zur Imagination, die bei mir bisher null Wirkung zeigt, außer dass sie mich sterbensmüde macht. Die Pflegekraft, die sonst immer gut drauf ist, Spaß versteht und weitweit weg wohnt, ist diesmal gesundheitlich schwer angeschlagen. Deswegen springt „die Amazone“ ein – eine Mitpatientin, die hier stark durch ihre Reife und ihr Durchhaltevermögen auffällt – und spielt eine Entspannungsübung über den Lautsprecher ab.
Das Resultat: Ich werde plötzlich ruhig. Ein Zustand, den ich im ersten Moment eher als bedrohlich empfinde, da mein System nun mal eine gewisse Grundspannung braucht, um halbwegs reaktionsschnell und auf der Hut zu sein. Ich weiß, dass das in einer Einrichtung wie dieser objektiv völlig unnötig ist, aber ich schleppe das eben schon seit meiner Kindheit als Schutzpanzer mit mir herum. Im Bett bewirkt diese erzwungene Ruhe dann auch genau das Gegenteil von Erholung: Sie erzeugt tiefes Unbehagen, statt mich einfach friedlich einschlafen zu lassen.

